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MitteilungVeröffentlicht am 2. Juni 2026

Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann: «Lokale Politik findet nicht isoliert statt»

Im Europarat vertritt Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann die Perspektive der Gemeinden: nahe bei den Menschen, pragmatisch und föderalistisch geprägt. Im Interview spricht sie über kommunale Demokratie, sozialen Zusammenhalt und darüber, warum Städte wie Uster wichtige Impulse für den europäischen Austausch liefern können.

Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann.

Der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates (KGRE) ermöglicht es, die Bedürfnisse, Herausforderungen und Erfahrungen der Gemeinden und Regionen – in und ausserhalb der Schweiz – auf europäischer Ebene zu thematisieren. Mit ihrer Delegation trägt die Schweiz aktiv zum Aufbau einer starken und inklusiven lokalen Demokratie bei.

Als beratendes Gremium des Europarates befasst sich der 1994 gegründete KGRE mit der Förderung der lokalen und regionalen Demokratie. Er wacht über die Einhaltung der Europäischen Charta der kommunalen Selbstverwaltung, beobachtet die Lokal- und Regionalwahlen und führt thematische Aktivitäten durch, insbesondere in den Bereichen Jugend und lokale Gouvernanz. Die Schweiz, seit 1963 Mitglied des Europarates, hat die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung am 17. Februar 2005 ratifiziert.

Die Aufgabenteilung zwischen Bund, Kantonen und Städten ist in der Schweiz von grosser Bedeutung. Was bedeutet der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats für Sie und für Ihre Stadt im Allgemeinen?

Der Kongress ist ein gutes Abbild dafür, wie Politik an der Basis funktioniert – dort, wo die Menschen leben, wohnen und arbeiten. Er bringt Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie lokale und regionale Politikerinnen und Politiker aus ganz Europa zusammen, die aus eigener Erfahrung wissen, welche Auswirkungen politische Entscheide auf das tägliche Leben haben.

Im Zentrum steht der Austausch über viele konkrete Themen. Gerade dort, wo «bei der Bevölkerung der Schuh drückt», sind es wir, die lokalen Behörden, die oft direkt Lösungen entwickeln müssen. Gleichzeitig stärkt sich mein Bewusstsein dafür, dass lokale Politik nicht isoliert stattfindet, sondern Teil eines grösseren demokratischen Gefüges ist, in dem Gemeinden und Städte eine zentrale, unverzichtbare Rolle spielen.

Für mich persönlich ist dieser Austausch sehr wichtig. Die Rolle des Stadt- oder Gemeindepräsidiums kann ich in der eigenen Stadt mit niemandem teilen.
Barbara Thalmann, Stadtpräsidentin Uster

Sie sind Mitglied der Vereinigung der Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten des Bezirks Uster. Im Rahmen des Städteverbands treffen Sie auch regelmässig andere Stadtpräsidentinnen und -präsidenten aus der ganzen Schweiz. Wie wichtig ist es, diesen Austausch auf Ebene der Städte und Gemeinden einer Region aufrechtzuerhalten?

Für mich persönlich ist dieser Austausch sehr wichtig. Die Rolle des Stadt- oder Gemeindepräsidiums kann ich in der eigenen Stadt mit niemandem teilen. Es tut deshalb immer wieder gut, zu sehen, was die Kolleginnen und Kollegen beschäftigt, was ihre Freuden und Sorgen, Themen und Projekte sind. Ich staune auch darüber, wie ähnlich unsere Ämter im Grunde genommen sind – und wie unterschiedlich die Ausgestaltung unter den jeweiligen Voraussetzungen erfolgt.

Für Uster bringt Ihr Mandat mehr Sichtbarkeit, neue Netzwerke und die Möglichkeit, Impulse aus Europa direkt in die kommunale Politik einfliessen zu lassen. Wie zeigt sich das konkret im Alltag?

Aktuell bin ich noch zu wenig lange im Kongress dabei, um bereits konkrete Auswirkungen aufzeigen zu können. Langfristig könnten jedoch konkrete Austauschgefässe oder Kooperationen mit anderen europäischen Städten entstehen. Für Uster bietet sich damit die Chance, von erfolgreichen Erfahrungen anderer Städte zu lernen und gleichzeitig eigene Stärken und Ideen auf europäischer Ebene einzubringen.

Sie sind «Quartiergotte» von Nänikon und Werrikon. Spielen die Realitäten dieser kleineren Ortsteile auch im Rahmen der Arbeit im Kongress eine Rolle?

Absolut. Gerade kleinere Ortsteile wie Nänikon und Werrikon prägen meinen politischen Blick stark. Beide Orte waren früher eigenständige Zivilgemeinden und verfügen bis heute über eine starke lokale Identität und ein aktives Vereinsleben. Obwohl Nänikon und Werrikon heute zur Stadt Uster gehören, erleben wir unmittelbar, wie wichtig Nähe, Mitgestaltung und persönliches Engagement für eine lebendige Gemeinschaft sind.

Das zeigt etwas sehr Grundsätzliches: Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen nicht abstrakt auf grosser Ebene, sondern dort, wo Menschen konkret miteinander leben, sich engagieren und Verantwortung übernehmen.

Ein gut ausgestalteter Föderalismus kann meines Erachtens überall funktionieren. Wichtig sind jedoch nicht nur die Strukturen, sondern vor allem die Menschen vor Ort.
Barbara Thalmann, Stadtpräsidentin Uster

Im Grunde stellen sich auf europäischer Ebene ähnliche Fragen wie bei uns in der Schweiz seit Jahrhunderten: Welche Aufgaben sollen gemeinsam gelöst werden, und wo sollen Entscheidungen möglichst nahe bei den Menschen bleiben? Unser föderales System zeigt, dass beides möglich ist – Zusammenarbeit und lokale Eigenständigkeit.

Die Erfahrungen aus Nänikon und Werrikon erinnern mich immer wieder daran, dass Demokratie vor allem dort glaubwürdig lebt, wo Menschen sich einbringen können und sich mit ihrem Umfeld verbunden fühlen. Genau dieses Verständnis nehme ich auch in die Arbeit im Kongress mit.

Sie sind Mitglied der Kommission für soziale Inklusion im Kongress. Urbane Armut und bezahlbarer Wohnraum sind wachsende Herausforderungen in Schweizer Agglomerationen. Ist Uster ein geeignetes Labor für Lösungen, die auf europäischer Ebene übertragbar sind?

Gerade wegen der überschaubaren Grösse unserer Stadt mit rund 38 000 Einwohnenden, in der die Wege kurz sind, haben wir viele Möglichkeiten, Projekte im sozialen und inklusiven Bereich umzusetzen.

Darin liegt auch eine wichtige Erkenntnis für Europa insgesamt: Viele Kommunen verfügen grundsätzlich über das Potenzial, eigene «Lösungslabore» zu sein – vorausgesetzt, sie erhalten die notwendigen Instrumente für Entscheidungen, genügend Handlungsspielraum und entsprechende finanzielle Kompetenzen.

Ein gut ausgestalteter Föderalismus kann meines Erachtens überall funktionieren. Wichtig sind jedoch nicht nur die Strukturen, sondern vor allem die Menschen vor Ort: engagierte Persönlichkeiten, die sich für ihre Gemeinde engagieren, Gestaltungswillen zeigen und das Vertrauen der Bevölkerung geniessen.

Dieser Erfahrungsschatz macht aus meiner Sicht kommunale Praxis sehr wertvoll für den europäischen Austausch.
Barbara Thalmann, Stadtpräsidentin Uster

Welche weiteren Impulse bringt eine Stadt wie Uster in den Kongress ein?

Wofür wir uns in Uster tagtäglich einsetzen, betrifft das gesamte Spektrum des täglichen Lebens: Wohnen, Arbeiten, Schulen, Freizeitangebote wie Sport und Kultur, vielfältige Angebote für Kinder, Familien und ältere Menschen. Kurz: Begegnungsorte, die von einer breiten Bevölkerung genutzt und geschätzt werden.

Ebenso wichtig sind Unterstützungsangebote für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind – sei dies aus finanziellen, gesundheitlichen oder sozialen Gründen.

Eine Stadt wie Uster bringt die Perspektive der praktischen Umsetzung in den Kongress ein: Wie werden politische Ziele im Alltag konkret realisiert – mit begrenzten Ressourcen, unterschiedlichen Bedürfnissen und hohen Erwartungen an Qualität und Verlässlichkeit. Zudem zeigt sich in einer Stadt sehr direkt, wie sich grosse gesellschaftliche Themen wie Integration, demografischer Wandel oder Klimaanpassung vor Ort auswirken und bearbeiten lassen. Dieser Erfahrungsschatz macht aus meiner Sicht kommunale Praxis sehr wertvoll für den europäischen Austausch.

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