«Wir möchten den Austausch unter Nachhaltigkeitsverantwortlichen der Schweizer Städte fördern»
Städte spielen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung. Davon zeugen die freiwilligen lokalen Berichte (Voluntary Local Reviews) der Städte Genf und Bern sowie der Kantone Basel-Stadt und Aargau. Zudem gehörten der Basler Regierungspräsident Conradin Cramer und die Genfer Stadtpräsidentin Christina Kitsos der Schweizer Delegation an, die im Juli 2026 bei der UNO in New York den Länderbericht der Schweiz zur Agenda 2030 präsentierte. Im Interview erläutern sie, welchen Herausforderungen sich die Städte gegenübersehen – und wie wichtig der Austausch zwischen den Städten auf nationaler und internationaler Ebene für die Umsetzung der Agenda-2030-Ziele ist.

Herr Cramer, Sie waren im Juli 2026 Mitglied der Schweizer Delegation am High Level Political Forum. Welche Erkenntnisse haben Sie von New York nach Basel mitgenommen?
Conradin Cramer: Für mich hat sich bestätigt: Gewisse Probleme sind trotz sehr unterschiedlicher Ausgangslagen der Städte ähnlich gelagert. Man kann also viel voneinander lernen. Und dennoch wurde auch klar, dass Problemlösungen sehr individuell anzugehen sind. Die Bedürfnisse der Bevölkerung oder der Städte können sich in Details unterscheiden. Es hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt, wie wichtig föderale und kommunale Kompetenzen zur Lösung spezifischer Probleme sind. Auch in der Schweiz müssen wir den Föderalismus gegen Zentralisierungsbestrebungen verteidigen.
Wie sieht Ihre Bilanz aus, Frau Kitsos?
Christina Kitsos: Es war ein grosses Glück, Genf auf dem Forum vertreten zu dürfen. Ich konnte dort einige Massnahmen vorstellen, die die Stadt Genf im Rahmen der Ziele für nachhaltige Entwicklung umgesetzt hat, und darauf hinweisen, wie wichtig die Rolle der Städte bei deren Umsetzung ist.
Mit welchen Themen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verbunden sind die Städte Genf und Basel besonders konfrontiert?
Conradin Cramer: Basel und Genf teilen viele Herausforderungen. Als dicht besiedelte und international vernetzte, aber auch wohlhabende Stadt sind für Basel insbesondere SDG 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden), 12 (Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster) und 13 (Massnahmen zum Klimaschutz) von grosser Relevanz: Themen wie Klimaschutz, Klimaanpassung, bezahlbarer Wohnraum, nachhaltige Mobilität, Schutz der Biodiversität, der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, aber auch Sicherheit sowie die Förderung des sozialen Zusammenhalts und eine hohe Lebensqualität sind zentral. Die einzelnen SDG lassen sich nicht voneinander trennen: Bezahlbarer Wohnraum trägt beispielsweise nicht nur zu SDG 11 bei, sondern auch zu SDG 1 (Bekämpfung der Armut). Ebenso leistet die Strategie nachhaltige Ernährung Basel-Stadt 2030 einen Beitrag zu SDG 2, auch wenn die Bekämpfung von Hunger in der Schweiz nicht im Vordergrund steht.
Die Agenda 2030 macht sichtbar, wie eng die verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen miteinander verbunden sind und unterstützt eine integrierte politische Steuerung, sodass Synergien genutzt werden.
Die Voluntary Local Review (VLR) hat gezeigt, dass viele Projekte in Basel gleichzeitig zu mehreren SDGs beitragen. Genau darin liegt der Mehrwert der Agenda 2030: Sie macht sichtbar, wie eng die verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen miteinander verbunden sind und unterstützt eine integrierte politische Steuerung, sodass Synergien genutzt werden.
Wie stellt sich die Situation in Genf dar, Frau Kitsos?
Kitsos: Genf ist - wie viele andere Städte weltweit - mit wachsenden Ungleichheiten konfrontiert und spürt die Auswirkungen des Klimawandels stark. Unsere Bevölkerung hat immer grössere Schwierigkeiten, um über die Runden zu kommen, während das Vermögen der Wohlhabendsten weiter zunimmt. Es sind zudem die Ärmsten, die am stärksten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden. Sie leben sehr oft in dicht besiedelten Stadtvierteln mit wenig Grünflächen und sind häufig gezwungen, in schlecht isolierten Wohnungen zu leben. Indem wir uns verstärkt für die Gleichstellung aller einsetzen, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung der Ziele der Agenda 2030.
Indem wir uns verstärkt für die Gleichstellung aller einsetzen, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung der Ziele der Agenda 2030.
Sind diese Probleme typisch für alle Städte – oder sind solche Probleme in Genf und Basel «hausgemacht»?
Kitsos: Ich denke, dass diese Herausforderungen leider in allen grossen Schweizer Städten zu beobachten sind - und sogar weltweit. Der zügellose Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, führt zu einer Konzentration des Reichtums in den Händen einer kleinen Minderheit, während sich die Lage für den Rest der Bevölkerung verschlechtert.
Gilt das also auch für Basel?
Cramer: Viele Herausforderungen sind tatsächlich typisch für Städte und keineswegs «hausgemacht». Gleichzeitig bringt jede Stadt ihre eigenen Voraussetzungen mit. Genau deshalb lohnt sich der Austausch: Nicht um Lösungen eins zu eins zu übernehmen, sondern um voneinander zu lernen und gute Ansätze an die eigene Situation anzupassen.
Die Umsetzung der Agenda 2030 gelingt nur, wenn Akteure über institutionelle, thematische und territoriale Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
Welchen Ansatz verfolgen Genf und Basel, um die Probleme anzugehen? Werden die Herausforderungen je einzeln betrachtet oder gibt es institutionalisierte Strukturen, in deren Rahmen Lösungen für die Probleme gemeinsam diskutiert und umgesetzt werden?
Cramer: Die Umsetzung der Agenda 2030 gelingt nur, wenn Akteure über institutionelle, thematische und territoriale Grenzen hinweg zusammenarbeiten. In Basel-Stadt verfolgen wir diesen Ansatz konsequent – in allen Bereichen unseres staatlichen Handelns ebenso wie in unseren grenzüberschreitenden Kooperationen. Unser Ziel ist es, die Lebensqualität für alle Menschen zu sichern.
Wie gehen Sie das konkret an?
Nachhaltigkeit wird im Austausch mit Akteurinnen und Akteuren sowohl innerhalb wie ausserhalb der Verwaltung umgesetzt. Genau deshalb organisieren wir den SDG Flag Day am 11. September 2026 in Basel. Wir schaffen einen Raum, in dem Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie aus verschiedenen Städten zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Solche Plattformen sind wichtig, weil nachhaltige Entwicklung nur gemeinsam gelingen kann.
Welche Wege hat Genf unternommen?
Kitsos: Alle Departemente der Stadt Genf arbeiten an der Umsetzung von direkten Massnahmen, die mit diesen Herausforderungen in Zusammenhang stehen. Dies geht vor allem auf die politischen Impulse des Verwaltungsrats (Exekutive) der Stadt Genf zurück. So wurde ein Legislaturprogramm erstellt, und zahlreiche – wenn nicht sogar alle – Massnahmen tragen dazu bei, die Herausforderungen zu bewältigen, denen wir gegenüberstehen. Darüber hinaus profitiert die Stadt Genf vom Fachwissen des Dienstes «Agenda 21», der die Ziele der Agenda 2030 genau verfolgt und mit den verschiedenen Dienststellen der Stadt Genf zusammenarbeitet.
Im Bereich Umwelt zeigt sich, dass die Stadt Genf den CO₂-Fussabdruck ihrer Verwaltung und ihrer Gebäude deutlich senken konnte.
An welchen Beispielen lässt sich in Genf illustrieren, welche Fortschritte auf dem Weg zu den Zielen der Agenda 2030 bislang erreicht werden konnten?
Kitsos: Im Bereich Umwelt zeigt sich, dass die Stadt Genf den CO₂-Fussabdruck ihrer Verwaltung und ihrer Gebäude deutlich senken konnte. Dies dank Renovierungsmassnahmen, die Erzeugung CO₂-freier Energie sowie die Verabschiedung einer Charta für nachhaltige Ernährung, die lokale, zertifizierte und fleischarme Produkte fördert. Darüber hinaus hat die Stadt Genf eine proaktive Politik zur Aufforstung ihres Gebiets entwickelt. Dennoch ist der CO₂-Fussabdruck der Gesamtbevölkerung nur geringfügig gesunken: Es müssen noch Fortschritte erzielt werden, und alle Akteurinnen und Akteure aus dem öffentlichen und privaten Sektor müssen handeln.
Auf sozialer Ebene setzt sich die Stadt gegen Ungleichheiten und Diskriminierungen ein, sei es durch ihre zahlreichen Massnahmen zur Förderung des sozialen Zusammenhalts, die Verteidigung der Kinderrechte, die Unterstützung von Familien und sozial schwachen Menschen oder auch durch Initiativen wie «Null Sexismus in meiner Stadt».
Wie sieht die Bilanz in Basel aus, Herr Cramer?
Cramer: Die Voluntary Local Review zeigt, dass Basel bereits in diversen Bereichen Fortschritte in der Umsetzung der Agenda 2030 erzielt hat: Dazu gehören beispielsweise die «Housing First»-Strategie – ein innovativer Ansatz, um Obdachlosigkeit nachhaltig zu bekämpfen – oder die «Strategie nachhaltige Ernährung Basel-Stadt 2030», mit der sich der Kanton für ein nachhaltigeres Ernährungssystem einsetzt. Gleichzeitig verfolgt Basel mit seiner «Klimaschutzstrategie Netto-Null 2037» ambitionierte Ziele für die Reduktion der Treibhausgasemissionen und investiert mit dem Stadtklimakonzept in Klimaanpassung.
Diese Beispiele zeigen, dass nachhaltige Entwicklung in Basel als Querschnittsaufgabe verstanden wird, die diverse Politikbereiche verbindet. Denn nachhaltige Entwicklung entsteht nicht durch einzelne Leuchtturmprojekte in einzelnen Bereichen. Entscheidend ist vielmehr, Nachhaltigkeit schrittweise in die alltägliche Arbeit von Politik und Verwaltung zu integrieren. Für Basel sind die SDG deshalb weniger eine Liste einzelner Ziele, sondern ein gemeinsamer Orientierungsrahmen, um Nachhaltigkeit ganzheitlich zu denken.
Die Stadt Genf ist Mitglied mehrerer Netzwerke, die sich mit den Zielen der Agenda 2030 befassen.
Frau Kitsos, Genf ist Teil eines internationalen Netzwerks von Städten zur Agenda-2030-Thematik. Um welche Aspekte drehen sich die Diskussionen dort hauptsächlich?
Kitsos: Die Stadt Genf ist Mitglied mehrerer Netzwerke, die sich mit den Zielen der Agenda 2030 befassen. Zu nennen sind hier die grossen internationalen Städtenetzwerke wie UCLG und AIMF sowie thematische Netzwerke wie das «Rainbow Cities Network», den Mailänder Pakt für Ernährung, das Netzwerk «Villes-Santé» oder auch «Coord21» auf regionaler Ebene – dessen Vorsitz die Stadt Genf sieben Jahre lang innehatte –, das die Städte und Kantone der Romandie vereint. In diesen Netzwerken werden die Ziele der Agenda 2030 diskutiert.
Erwähnenswert ist auch, dass sich die Treffen zwischen den Schweizer Städten intensiviert haben, insbesondere durch die «Flag Days» in Lugano im Jahr 2025 und die Veranstaltung, die 2026 in Basel stattfinden wird. Diese Anlässe sind wertvoll, um sich über bewährte Praktiken auszutauschen, die in der Schweiz umgesetzt wurden.
Herr Cramer, Sie haben bereits erwähnt, dass Basel am 11. September 2026 den diesjährigen SDG Flag Day durchführt. Wie wird sich Basel hier präsentieren? Welche Themen stehen im Vordergrund?
Cramer: In enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und dem Schweizerischen Städteverband (SSV) möchten wir speziell den Austausch unter Nachhaltigkeitsverantwortlichen der Schweizer Städte fördern. Mit Exkursionen zu «Good Practices» in Basel erhalten alle Teilnehmenden aus der ganzen Schweiz und dem grenznahen Ausland aber auch die Möglichkeit, in konkrete Projekte einzutauchen. Beim daran anschliessenden Symposium stehen des Weiteren Herausforderungen und Chancen der nachhaltigen Stadtentwicklung im Vordergrund.
Am SDG Flag Day in Basel möchten wir speziell den Austausch unter Nachhaltigkeitsverantwortlichen der Schweizer Städte fördern.
Gibt es unter den Schweizer Städten ein gemeinsames Verständnis für den Umgang mit den Zielen der Agenda 2030? Und wenn ja: Wo setzen die Schweizer Städte die Prioritäten bis 2030?
Cramer: Die Agenda 2030 dient den Städten als Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Entwicklung. Gleichzeitig setzten die Städte eigene Schwerpunkte – abhängig von ihren lokalen Herausforderungen und politischen Prioritäten. Gerade deshalb ist der Austausch zwischen den Städten so wertvoll. Wir stehen oft vor ähnlichen Fragestellungen und können unterschiedliche Lösungsansätze voneinander übernehmen.
Jede Stadt hat ihre eigenen Bedürfnisse und Prioritäten. Die Hitzewelle vom Juni zeigt, dass Klimaanpassungen und auch Klimaschutz Priorität haben. Der Side-Event am HLPF zu SDG 11, zum Thema Wohnen, hat eindrücklich gezeigt, dass z. B. auch der Zugang zu bezahlbarem und sicherem Wohnraum ein zentrales Thema der Städte weltweit ist.
Mit dem aktuellen Legislaturplan 2025 – 2028 zeigt der Regierungsrat, wo für die nächsten Jahre für Basel die Schwerpunkte liegen. Für die nachhaltige Entwicklung des Kantons stehen «Innovation und Wettbewerbsfähigkeit», «Sicherheit und Zusammenhalt» und «Klimaschutz und lebenswerter Stadtraum» im Zentrum.
Frau Kitsos, was ist aus Ihrer Sicht prioritär?
Kitsos: Dank des «Indikatorenkreises», in dem verschiedene Städte zusammengeschlossen sind, wurden gemeinsame Definitionen erarbeitet. Jede Stadt entwickelt jedoch ihre eigenen Strategien entsprechend ihren Gegebenheiten und Prioritäten.
Die Ziele der Agenda 2030 bieten einen Rahmen. Es ist jedoch notwendig, schneller voranzukommen. In diesem Zusammenhang ist das von der Ökonomin Kate Raworth entwickelte «Donut»-Modell vorbildlich. Es verbindet eine soziale Basis, die garantiert werden muss, mit der Einhaltung der planetarischen Grenzen.
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