Wirtschaftliche Bedeutung

Die Bilateralen I (1999) ergänzen das Freihandelsabkommen von 1972 durch eine schrittweise und kontrollierte gegenseitige Marktöffnung. Dadurch werden die Beziehungen zwischen den beiden wichtigen Handelspartnern auf eine breitere Grundlage gestellt. Vom Abbau der Handelshemmnisse profitieren beide Seiten. Erleichterte Handelsbedingungen und verstärkter Wettbewerb bewirken Wachstumseffekte, welche wiederum Arbeitsplätze sichern und schaffen. 

Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen der sektoriellen Abkommen sind heute unbestritten. Verschiedene Studien zu den bilateralen Abkommen (u. a. der Bericht des SECO über die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eines Wegfalls der Bilateralen I von 2015) zeigen, dass ein Wegfall dieser Verträge zu einem deutlich schwächeren Wirtschaftswachstum in der Schweiz führen würde. Hinzu kämen Einbussen, wie der Verlust an Rechtssicherheit und die Minderung der Standortattraktivität. Als wirtschaftlich besonders wichtig gelten die Personenfreizügigkeit, der Abbau der technischen Handelshemmnisse sowie das öffentliche Beschaffungswesen.

Durch die Ausdehnung der Abkommen auf die osteuropäischen Wachstumsmärkte der neuen EU-Staaten haben die bilateralen Abkommen weiter an Bedeutung gewonnen.

Wirtschaftliche Vorteile ergeben sich durch folgende
Effekte: 

  • Für Schweizer Unternehmen eröffnen sich neue Geschäftsmöglichkeiten in bisher geschlossenen Märkten, namentlich bei gewissen Agrarprodukten, im Luftverkehr, im Landverkehr sowie bei öffentlichen Beschaffungen. Schweizer Anbieter in diesen Sektoren können nun leichter auf dem europäischen Markt tätig werden und dadurch potenzielle Grössenvorteile (sog. Skaleneffekte) nutzen. Beispielsweise erhalten Schweizer Anbieter die gleichen Zugangsbedingungen wie ihre europäischen Konkurrenten bei öffentlichen Beschaffungen im Bereich der kommunalen Versorgungs-, Entsorgungs- und Transportinfrastruktur – ein Segment, in dem gerade in Mittelosteuropa immer noch ein grosser Aufholbedarf besteht, der in den kommenden Jahren weiterhin mit beträchtlicher finanzieller Unterstützung der EU gedeckt werden soll.
  • Umgekehrt haben ausländische Anbieter freien Zutritt zum Schweizer Markt, was tendenziell den Wettbewerbsdruck in den betreffenden Sektoren erhöht und dadurch Anreize zur Produktivitätssteigerung generiert.
  • Unmittelbare Einsparungen sind im bisher schon liberalisierten Warenverkehr durch die Vereinfachung der Regeln zur Produktzulassung (Abbau technischer Handelshemmnisse) möglich: Die Prüfung, ob für den gesamteuropäischen Markt bestimmte Produkte die geltenden Vorschriften erfüllen (Konformitätsbewertung), wird nur noch bei einer einzigen Zertifizierungsstelle in der Schweiz oder in der EU vorgenommen.
  • Den grössten wirtschaftlichen Effekt weist die Personenfreizügigkeit auf: Sie erleichtert die Entsendung von Schweizer Personal in die EU-Staaten einerseits sowie die Rekrutierung von Arbeitskräften für den Schweizer Arbeitsmarkt andererseits. Durch das Personenfreizügigkeitsabkommen erweitert sich der schweizerische Markt für Arbeitskräfte faktisch auf den ganzen EU- bzw. EFTA-Raum. Erleichterte Bedingungen für den Einsatz von internationalen Arbeitskräften fördern die Effizienz und damit das Wachstum der Schweizer Unternehmen, da sie leichter geeignetes Personal für bestimmte Qualifikationen rekrutieren können. Die Gefahr von Personalengpässen und entsprechend überhöhten Löhnen wird dadurch gemildert. Dies ist umso wichtiger, als das Angebot schweizerischer Arbeitskräfte mittelfristig aus demografischen Gründen zurückgehen dürfte. Dadurch werden die Produktivität und schliesslich das Bruttoinlandprodukt gefördert und der schweizerische Arbeitsmarkt bleibt auf Dauer attraktiv.

Die Bilateralen II (2004) dehnen die Zusammenarbeit auf wichtige politische Bereiche wie innere Sicherheit, Asyl, Umwelt und Kultur aus. Nur das Abkommen über die landwirtschaftlichen Verarbeitungsprodukte, welches Exporterleichterungen für die Nahrungsmittelindustrie bringt, ist ein Marktöffnungsabkommen im Sinne der Bilateralen I. Die Bilateralen II decken aber auch andere wirtschaftliche Interessen ab wie:

  • Die Interessen des Finanzplatzes (AIA, Betrugsbekämpfung)
  • Die Stärkung des Tourismus-Standorts Schweiz durch die Einführung des Schengen-Visums
  • Die Erleichterung des Grenzverkehrs durch die Vermeidung systematischer Grenzkontrollen (Schengen)
  • Steuervorteile für international tätige Schweizer Unternehmen, welche durch die Übernahme der Mutter-Tochter-Richtlinie steuerlich entlastet werden (AIA)

Wirtschaftliche Eckdaten Schweiz–EU

Mit dem EU-Beitritt von Bulgarien, Rumänien und Kroatien ist der EU-Binnenmarkt auf über 512 Mio. Personen angewachsen und als Wirtschaftspartner der Schweiz noch bedeutender geworden. Zwei Drittel des Schweizer Aussenhandels finden mit der EU statt.

52% der Schweizer Exporte (2018: rund 121 Mrd. CHF) gehen in den EU-Raum. Umgekehrt stammen 70% der Schweizer Importe (2018: rund 142 Mrd. CHF) aus der EU. Die EU ist somit für die Schweiz die mit Abstand wichtigste Handelspartnerin, während die Schweiz zusammen mit den USA und China zu den drei wichtigsten Handelspartnern der EU gehört (2018).

Ebenfalls bei den Direktinvestitionen ist die EU wichtigste Partnerin: Rund 75% des ausländischen Kapitals in der Schweiz stammt aus der EU (2017: insgesamt rund 824 Mrd. CHF); umgekehrt befinden sich rund 51% der schweizerischen Direktinvestitionen im Ausland in der EU (2017: rund 626 Mrd. CHF).

Auch bei den Arbeitskräften ist die Verflechtung mit der EU besonders stark: Ende 2018 wohnten und arbeiteten mehr als 457‘898 Schweizerinnen und Schweizer in den EU-Staaten. Umgekehrt lebten 2017 1,4 Mio. EU-28/EFTA-Bürgerinnen und -Bürger in der Schweiz; dazu kommen 315‘000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus dem EU/EFTA-Raum.

(Quellen: Eidgenössische Zollverwaltung EZV, Bundesamt für Statistik BFS und Schweizerische Nationalbank SNB)