Internationale Zusammenarbeit

«Ich möchte, dass wir jung bleiben»

60 Jahre DEZA: mehr verlangen, Wirkungen genauer messen, noch vernetzter handeln, agil bleiben. Direktorin Patricia Danzi zeigt zum Abschluss des Jubiläumsjahrs, wie sie die Zukunft der internationalen Zusammenarbeit sieht. Und blickt auf Auswirkungen historischer Ereignisse wie die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, den Fall der Berliner Mauer und 9/11. Das grosse Jubiläumsinterview in voller Länge.

Vom Zusammenbruch europäischer Länder im zweiten Weltkrieg bis zur Herausforderung der Klima-Krise: Weltgeschehen und Entwicklungszusammenarbeit sind eng verknüpft. © EDA

Frau Danzi, gerade erleben wir ein historisches Ereignis, das eine langjährige Entwicklungszusammenarbeit in Frage stellen kann: Die Taliban haben in Afghanistan die Macht übernommen, das Kooperationsbüro der DEZA musste geschlossen werden, alle ihre Mitarbeitenden sind zurück in der Schweiz. Die DEZA «passt ihre Programme der neuen Realität an». Welche Gedanken zur internationalen Zusammenarbeit IZA gingen Ihnen angesichts dieser Ereignisse durch den Kopf? Wie überhaupt kann man IZA solchen «neuen Realitäten» anpassen?

Diese neue Situation hat uns menschlich sehr betroffen gemacht. Einmal mehr ist von einer solchen Situation in erster Linie die Bevölkerung betroffen. Sie leidet seit Jahrzehnten unter Krieg. Dazu spürt sie die Folgen des Klimawandels: Afghanistan ist von einer langanhaltenden Dürre betroffen. Die Machtübernahme geschah immerhin fast kampflos, der Zivilbevölkerung sind Kampfhandlungen erspart geblieben. Und nun ist es wichtig, dass die internationale Zusammenarbeit IZA der Schweiz gerade in diesem unsicheren Kontext dranbleibt – gerade jetzt braucht die Bevölkerung sie am dringendsten. 

Porträt Patricia Danzi
Patricia Danzi, Direktorin DEZA © Keystone

Seit fast zwanzig Jahren, seit 2002, ist die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz mit einer breiten Palette von Aktivitäten im Umfang von 30 Millionen Franken im Jahr in Afghanistan präsent. Ein Engagement in einem solch fragilen Kontext birgt immer auch Risiken. Und es stellt vorab hohe Anforderungen an unser Personal, es erfordert hohe Flexibilität. Gerade weil die Schweiz auch in herausfordernden Kontexten dranbleibt, geniesst sie jedoch auch grosse Glaubwürdigkeit. Und das ist viel Wert! Ihre IZA bietet einen klaren Mehrwert, weil sie als neutrales, engagiertes Land nicht in Kriegshandlungen involviert ist. Immer wieder hat sie es geschafft, in solchen Situationen eine Rolle in der Friedenspolitik zu spielen. 

Die Schweiz hat es immer wieder geschafft, in solchen Situationen eine Rolle in der Friedenspolitik zu spielen.

In Zukunft unterstützt die DEZA vor allem nationale und internationale Partner, die vor Ort Hilfe leisten – und die dies auch nach der Machtübernahme der Taliban tun. Investitionen in den Bereichen der Ernährungssicherheit, Bildung, Schutz und Rechtstaatlichkeit lohnen sich immer, sie sind in jedem Fall nachhaltig, das belegen Studien.

Nicht nur Afghanistan, auch Covid-19 hat die DEZA im letzten Jahr stark gefordert. Was hat sie diesbezüglich erreicht?

Im Umgang mit den Herausforderungen rund um Covid-19 hat die Schweiz gezeigt, dass sie sowohl «im Kleinen» konkret vor Ort helfen, als auch in Zusammenarbeit mit anderen Ländern mit «grossen Hebeln» systemisch wirken kann. Für Nepal, ein Land mit einem der schwächsten Gesundheitssysteme, hat die Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Privatsektor 30'000 Covid-19-Text-Kits, Thermometer und Schutzausrüstungen an die Zentralregierungen und in die Provinz geliefert. 

Zwei Kinder schauen aus dem Schiebefenster eines Schalters – eines mit, eines ohne Maske.
Schutz oder kein Schutz vor Covid-19: Schnelle und unbürokratische Hilfe der DEZA kann den Unterschied machen und die Kräfte dieser Kinder wieder freisetzen. © Keystone

Auf der multilateralen Ebene hat sie mit ACTA, einem Zusammenschluss von Ländern, Privaten und Stiftungen, dafür gesorgt, dass Länder wie Ghana, die Elfenbeinküste oder Jordanien zügig Zugang zu Impfstoffen gegen Covid-19 erhalten und in Verhandlungen erreicht, dass der Preis pro Covid-19 -Test am Ende noch ein Zehntel des ursprünglichen Preises betrug.  Das ist vielversprechend, und zeigt, dass wenn sich die verschiedenen Kräfte bündeln, auch globale Probleme angegangen werden können – und zwar sehr schnell!

Wir sind es uns manchmal zu wenig bewusst: Die Schweiz hat einen guten Ruf.

Dank «ACTA» und der von der Weltgesundheitsorganisation WHO ins Leben gerufenen Initiative «COVAX» und «COVAX Facility», können Errungenschaften aus der Wissenschaft allen Ländern zugänglich gemacht werden. Konkret haben dank dieser Initiative alle – unabhängig von ihrer Kaufkraft – Zugang zu Diagnosemöglichkeiten, ärztlicher Behandlung, Impfungen. «ACTA» ist acht Monate alt, den Impfstoff gibt es seit vier Monaten, es ist eine riesige Errungenschaft, was «ACTA» in dieser kurzen Zeit erreicht hat. Und die Schweiz darf stolz sein, ihren Teil dazu beigetragen zu haben. Dies ist gelungen, weil sie einen namhaften finanziellen Beitrag geleistet und somit Einsitz in Entscheid-Gremien hat. Wir sind es uns manchmal wohl noch zu wenig bewusst: Die Schweiz hat einen guten Ruf, sie kann schnell viel Geld und solide Expertise zur Verfügung stellen, man hört auf sie. So kann sie gemeinsam mit andern schnell Millionen von Menschen erreichen. Das ist ein riesen Potential, die grossen Probleme des Planeten Erde anzugehen! Das motiviert mich für die zukünftige Arbeit der DEZA!

LIVE: 60 Jahre Schweizer Engagement für eine Welt im Wandel

Ein Plus für nachhaltige Entwicklung – virtueller Anlass zum 60-jährigen Bestehen der Internationalen Zusammenarbeit: 9. September 2021, 13.00 - 15.00 Uhr (MEZ, Bern).

Stream mit Simultanübersetzungen auf Deutsch

Original Deutsch, Französisch und Englisch (ohne Simultanübersetzungen)

Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft seit langem

Frau Danzi, Sie konnten Impfdosen für Nepal beispielsweise in Zusammenarbeit auch mit der Schweizer Privatwirtschaft schnell und preisgünstig zur Verfügung stellen. Gleichzeitig ist die «vermehrte Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft» bei der Vernehmlassung zur IZA-Strategie 2021–2024 auf Skepsis gestossen.

Grundsätzlich kann ich die Vorbehalte, die hinter dieser Kritik stehen, verstehen: Man befürchtet, dass Entwicklungsgelder an grosse Unternehmen gehen, die in unseren Partnerländern investieren, ohne auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu achten. Grossunternehmen haben in der Vergangenheit Fehler gemacht, sie sind jedoch auch bereit, daraus zu lernen. Die DEZA hat inzwischen Guidelines verabschiedet und in einem Handbuch festgehalten, damit die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor einen Rahmen bekommt. Dies schafft Klarheit. 

Wenn wir die Menschen fragen, was sie am dringendsten brauchen, sagen sie: eine Arbeit!

Wir wollen aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: Denn wenn wir die Menschen in unseren Partnerländern fragen, was sie am dringendsten brauchen, sagen sie: «eine Arbeit! » So können sie ihre Familie ernähren, die Schulbildung ihrer Kinder sichern, Geld in ihre Projekte investieren, ihre Gesundheit finanzieren und haben überhaupt erst die Freiheit, das zu tun, was sie wollen! Und wir wollen ja als DEZA auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort eingehen!

Wenn wir mit grösseren internationalen oder regionalen Akteuren aus dem Privatsektor zusammenarbeiten, geben wir ihnen kein Geld, sondern investieren gemeinsam in Bereiche, bei denen wir einen gemeinsamen Nenner finden: Die Armut vor Ort bekämpfen. Dank den neuen Guidelines minimieren wir Risiken wie Ausbeutung oder ökologisch nicht nachhaltiges Verhalten. Die Guidelines schaffen Klarheit für uns, unsere Partner und für die Politik und erhöhen damit die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit. Wir haben sie Ende März in der Aussenpolitischen Kommission vorgestellt. 

Bürowand rechts, links im Hintergrund unterhalten sich Menschen vor einem Fenster und einer Kaffeemaschine.
Gemeinsam mit Start-ups Arbeitsplätze vor Ort schaffen: Austausch im DEZA-Büro in Banja Luka, Bosnien-Herzegowina. © Keystone

Es ist zudem klar, dass wir nur Projekte umsetzen, von denen wir überzeugt sind, dass sie eine Hebelwirkung erzielen. Falls die Dinge mal nicht so laufen sollten, wie wir das vereinbart haben, können wir auf klaren Kriterien zurückgreifen und das Projekt beenden. Es ist wichtig, dass die Umsetzung von Projekten, an denen die DEZA beteiligt ist, eine institutionelle Angelegenheit wird und nicht bloss dank persönlichem Engagement oder einer lokalen Opportunität zustande kommen.

Es gibt vielversprechende Initiativen.

Es gibt bereits vielversprechende Initiativen von wegweisender Zusammenarbeit mit dem Privatsektor. Etwa die «Plattform Bosnien und Herzegowina BIH», Initiative von Diasporaverbänden, die bereits an Entwicklungsaktivitäten beteiligt sind, bei der junge, gut ausgebildete, engagierte Migrant/-innen eine Start up gründeten und jungen Unternehmern vor Ort die Möglichkeit gewähren, in ihrem Land zu investieren. Das Niveau der Technologie ist hoch, die Bildung ist gegeben, der Markt dafür ist da, die Gesetze auch.

Im Privatsektor arbeitet die DEZA mit dem SECO zusammen. Dieses verfügt über die Expertise, in den Partnerländern der DEZA die Rahmenbedingen für die Privatwirtschaft generell zu verbessern. Wir wollen die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor nun systematisch umzusetzen und aus deren Evaluation Lehren ziehen können.

Die DEZA arbeitet übrigens seit je mit der lokalen Privatwirtschaft zusammen. Zu Beginn hat sie viel im Landwirtschaftssektor investiert und so zum Beispiel Bauern geholfen, die Viehzucht zu steigern und so zur Verbesserung der Ernährungssicherheit beizutragen. Die DEZA hat Frauen und Männern Mikrokredite gegeben, damit sie ihr Unternehmen starten können und Selbständigkeit gewinnen. 

Kein Geld der DEZA an NGOs für Information im Inland

Sie haben die IZA-Strategie und die neuen Beiträge für die IZA 2021–2014 durchs Parlament gebracht – trotz Covid-19. Es steht schon lange fest, dass diese staatlichen Mittel nicht für Lobbying und Campaigning genutzt werden dürfen. Die präzisierende Regelung allerdings, dass NGOs Mittel aus den Programmbeiträgen nicht mehr für Informationen im Inland nutzen dürfen, hat für Kritik gesorgt.

Es ist nicht immer einfach, Lobbyarbeit von Informationsarbeit zu trennen. Wir haben diesbezüglich jetzt mehr Klarheit. Die Nichtregierungsorganisationen NGOs, welche in den Genuss von DEZA Programmbeiträgen kommen, erhalten einen Teilbeitrag an ihre internationalen Programme, circa ein Drittel – für den Rest müssen sie seit je selber aufkommen. Der Gesamtbeitrag bleibt unangetastet, jedoch müssen die NGO Sensibilisierungsarbeit eigenständig finanzieren, ohne Bundesgelder.

Ein Drittel an internationale Programme – für den Rest müssen NGOs seit je selber aufkommen.

Weit im Voraus vorbereitete IZA-Strategie

Kommen wir auf die IZA-Strategie zurück, die letztes Jahr durchs Parlament verabschiedet wurde. Wie haben Sie das erreicht? Und welche Anpassungen im Vergleich zu früher sind für Sie besonders wichtig?

Die Strategie 2021–2024 wurde mit langer Hand vorbereitet, bereits vor meiner Ankunft. Es gab eine öffentliche Vernehmlassung – übrigens zum ersten Mal überhaupt. Offene Fragen konnten so im Vorfeld geklärt werden, die beteiligten Akteure konnten sich einbringen, es gab keine Überraschungen. Das war sehr hilfreich. Dieses Vorgehen finde ich begrüssenswert.

In der IZA-Strategie und der Umsetzung ihrer Finanzierung wird zudem zum ersten Mal ein Richtwert fürs Klima reserviert – 400 Millionen Franken. Das entspricht einer Erhöhung von 25% gegenüber der vorhergehenden Strategieperiode. Die Folgen des Klimawandels sind nebst Konflikten und Gewalt auch je länger je mehr Grund für eine Flucht der Menschen aus ihrer Heimat.

Ein Schwerpunkt ist weiterhin die Migration. Es gab Stimmen, die befürchteten, wir würden nur noch mit Ländern zusammenarbeiten, die mit der Schweiz ein Rücknahmeabkommen für Migrant/-innen abgeschlossen haben. So funktioniert das natürlich nicht. 

Die Schweiz setzt sich mit Partnerländern dafür ein, dass es weniger Ursachen für Flucht und Migration gibt.

Die Schweiz will sich zusammen mit Partnerländern einsetzen, dass es weniger Ursachen für Flucht und Migration gibt, und dass die Menschen ein würdevolles Leben in ihrer Heimat führen können. Dies bedeutet zum Beispiel auch, dass wir uns in der Einhaltung des Internationalen Völkerrechts engagieren oder Partnerorganisationen unterstützen, die sich für eine bessere Integration von (Binnen)-Flüchtlingen einsetzen. Das ist wichtig, denn Millionen von Menschen fliehen in ihre Nachbarländer wie Kenia, Sudan, Jordanien oder Libanon – nur ein kleiner Teil gelangt schlussendlich bis in den Schengenraum. 

Ein Migrant steht am 29. März 2021 im Flüchtlingslager Karatepe auf der Insel Lesbos, Griechenland, am Meer. Rechts oben an der Küste stehen Zelte, unten gleich am Meer sind rot gekleidete Frauen.
Perspektiven geben und verhindern, dass Menschen überhaupt flüchten müssen: Migrant im Flüchtlingslager Karatepe auf der Insel Lesbos, Griechenland, 29. März 2021. © Keystone

Zudem konnten wir uns auf das Prinzip einigen, dass sich die Schweiz prioritär da engagiert, wo ihr Einsatz gegenüber andern Entwicklungsorganisationen einen Mehrwert bringt. Das hat sich auch in den geografischen Schwerpunkten niedergeschlagen. Wir werden uns in unserer bilateralen Entwicklungszusammenarbeit im Laufe der nächsten vier Jahre aus Lateinamerika zurückziehen.

Aufgrund der Corona-Krise debattierte das Parlament auch Kürzungsanträge für die IZA-Strategie weil mehr Gelder im Inland gebraucht werde. Passiert ist tatsächlich das Gegenteil. Die Entscheide des Parlaments bezeugen, dass die Erkenntnis wächst, dass man weltumspannende Probleme global lösen muss, und dass die Schweiz dabei eine renomierte Partnerin ist.

Von der «Entwicklungshilfe» hin zur «Internationalen Zusammenarbeit IZA»: Wenn wir zurückschauen auf 60 Jahre DEZA, stellen wir fest, dass sie sich von rein «technischer Hilfe» hin zum starken Einbezug der Partner/-innen vor Ort stark entwickelt hat – auch unter dem Einfluss der Veränderung der weltpolitischen Rahmenbedingungen - Stichworte Ende des 2. Weltkrieges, Mauerfall 1989 und Terror-Anschlag 9/11 im 2001. Welche «Epochenwende» und den Umgang der DEZA damit beeindruckt Sie am meisten?

Die Entwicklungen zum neuen Verständnis der Zusammenarbeit nach dem Mauerfall waren enorm.

Die DEZA hat sich immer wieder dem Weltgeschehen und den daraus resultierenden Gegebenheiten angepasst und sich die Fragen stellen müssen: «Machen wir das richtige? Machen wir es richtig? Sind wir am richtigen Ort? Sind wir noch gut aufgestellt, genügend vernetzt? » Die Veränderungen von der technischen Hilfe wie Unterstützung beim Brückenbau in Nepal über die Schaffung des Schweizerischen Katastrophen Hilfskorps Korps SKH, bis hin zu einem völlig neuen Verständnis der Zusammenarbeit mit unseren Partnerländern nach dem Mauerfall des ehemaligen Ostblocks waren enorm. Es waren Länder, die ein ganz anderes Verständnis der Zusammenarbeit hatten und andere Planungshorizonte und Ziele gewohnt waren, eine hohes Bildungsniveau aufweisen und mitgestalten wollten.

9/11 hat die Welt sehr stark durchgeschüttelt und die Konsequenzen werden noch lange spürbar bleiben. Auch dauern die Kriege länger, oft mehrere Jahrzehnte lang, dies beeinflusst stark, wie die Humanitäre Hilfe, die Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung zusammenarbeiten müssen, um langfristige Wirkung zu erzielen. Heute kommen Themen wie Pandemiebekämpfung, Migrationsflüsse und Klimawandel dazu!

Neu ist seit 2015 dass sich die Welt auf 17 Ziele für die nachhaltige Entwicklung (Sustainable Developement Goals SDGs) in ihrer Agenda 2030 geeinigt hat. Praktisch alle Länder haben solche definiert. Dies hilft als gemeinsamer Orientierungsrahmen, innerhalb dessen wir uns gegenseitig gut verständigen können.

Wenn wir auf ihre rund 1,5 Jahren als Direktorin der Direktion der DEZA zurückschauen; Was des unter Ihrer Ägide Erreichten freut Sie am meisten?

Dass wir die Herausforderungen in Afghanistan bis anhin professionell meistern konnten. Dass wir in der Covid-19-Krise schnell und unkompliziert unsere Partner zur Seite stehen konnten. Dass wir trotz dieser Krise auf die Solidarität und das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung zählen durften und mehr Geld für die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit erhalten haben. Und dass die DEZA auch in diesen herausfordernden Zeiten so weit wie möglich in den Ländern vor Ort geblieben ist oder über Partnerorganisationen weiter tätig bleibt, trotz fragilem Kontext.

Wegen Covid-19 hatten wir innert kürzester Zeit hunderte lokaler DEZA-Projekte den neuen Bedürfnissen angepasst und umprogrammiert, der Bundesrat hat schnell und unbürokratisch 400 Millionen Franken zur Linderung der Auswirkungen von Covid-19 bereitgestellt und diese später als Nachtragskredit durchs Parlament gebracht – nebst den 11,2 Milliarden Franken, die das Parlament im Rahmen der Strategie der internationalen Zusammenarbeit IZA bewilligt hat. Zur Zeit ist ein vom Bundesrat abgesegneter Nachtragskredit von weiteren 300 Millionen im Parlament zur Unterstützung von COVAX unterwegs. Dies ist nicht selbstverständlich, gerade in auch für die Schweiz wirtschaftlich herausfordernden Zeiten. Dies stärkt das Image der Schweiz, ihren Ruf, dass man sich auf ihre Entwicklungszusammenarbeit verlassen und die DEZA in schwierigen Zeiten auch schnell und unbürokratisch unterstützen kann. Auch bezüglich Afghanistan hat sich die Schweiz schnell den neuen Herausforderungen gestellt und sich angepasst.

Die Mitarbeitenden des Kooperationsbüros in Kabul haben bereits zwei Tage nach ihrer Rückkehr in die Schweiz wieder Aufgaben im Krisenmanagement-Zentrum KMZ des EDA übernommen. Sie wollten mithelfen und ermöglichen, unsere Lokalangestellten und Ihre Familien, aber auch Schweizer Staatsangehörige, die sie sich noch in Afghanistan aufhielten, sicher in die Schweiz zu bringen.

Ich bin in einem «Nest» motivierter Mitarbeiter/-innen gelandet!

Dies zeugt vom grossen Engagement der DEZA-Mitarbeiter/-innen. Ich bin in einem «Nest» motivierter Mitarbeiter/-innen gelandet, die aktiv mitgestalten wollen. An einer Umfrage an der die DEZA-Mitarbeiter/-innen ihre Vorschläge für ein zielführendes Vorgehen beim Umsetzen der IZA-Strategie 2021-2024 einbringen konnten, sind hunderte von Ideen eingegangen! Das freute mich sehr! Wir nehmen diese Vorschläge und Kommentare sehr ernst: Wir sind daran, uns aus diesen Handlungsfeldern heraus den neuen Herausforderungen anzupassen, um so eine relevante Entwicklungsorganisation zu bleiben in den nächsten 60 Jahren.

Frau Danzi, zum Abschluss ein Blick nach vorn: Welche Prinzipien sind wichtig, damit die DEZA auch in Zukunft auf Rückhalt in der Bevölkerung zählen und weiter erfolgreich wirken kann?

Es sind deren fünf: Sich weiterhin ständig den neuen Bedürfnissen und geopolitischen Realitäten anpassen, sich stärker vernetzen, agil bleiben, eine noch stärkere Wirkungsmessung und ein noch stärkerer Einbezug von Eigen-Leistungen unserer Parter/-innen. Zudem müssen wir uns kommunikativ weiterentwickeln, die gute Arbeit der DEZA zeigen, und uns Debatten zur Entwicklungszusammenarbeit stellen.

Die DEZA wird ihre Internationale Zusammenarbeit IZA weiterhin konstant dem Weltkontext anpassen, wie sie dies die letzten 60 Jahre gemacht hat. Heute ist ein nicht-sektorielles, sondern vernetztes Vorgehen immer wichtiger, dies im Sinne der Agenda 2030 und den SDGs. Dies ist entscheidend für den nachhaltigen Erfolg vor Ort.

Ich möchte, dass wir «jung» bleiben – wenn ich an 2030 denke … dann sind die meisten unserer Kader schon fast pensioniert! Das heisst: Bei der Erarbeitung der Projekte müssen wir vermehrt diejenigen einbinden, die dann ihren Lebenszenit erreichen! 

Partnerländer werden in Zukunft Teil der finanziellen Kosten selber übernehmen.

Wir werden unserer Partner/-innen vor Ort zudem in Zukunft noch stärker in Form eines Commitments, einer Eigenleistung einbeziehen. Bereitstellen von eigenen Ressourcen kann viele Formen annehmen, nämlich Zeit, einem Arbeitseinsatz einem finanziellen Beitrag. Die neuen Finanzierungsmodelle zeigen in diese Richtung: Partnerländer werden in Zukunft je nach Ressourcen einen kleinen oder grösseren Teil der finanziellen Kosten selber übernehmen. Auch Einzelhaushalte können im Kleinen dazu beitragen, dass die Zusammenarbeit nachhaltiger wird. Ein Beispiel aus dem Bereich «Wasser»: Wasser ist wertvoll und wichtig, es hat einen Wert. Wo dies möglich ist, sind Haushalte bereit, einen kleinen, symbolischen Beitrag ans Wasser zu leisten und so die Kosten für die Wartungsarbeiten mitzutragen und mitzuhelfen, die Qualitätssicherung des Wassers zu gewährleisten. 

Wir werden fordernder werden.

Wir werden in unseren Projekten gemeinsam Zwischenzeile definieren, diese gemeinsam evaluieren und gemeinsam ein Vorgehen festlegen, wenn diese nicht erreicht sind. Ja, wir erwarten einen Beitrag unserer Parter/-innen. Und ja, wir werden fordernder werden. Das ist die Konsequenz daraus, dass wir heute nicht mehr nur «Entwicklungshilfe» bringen, sondern eben für eine bilaterale ZusammenARBEIT fordern und für Partizipation stehen.

DEZA-Audits machten zeitweise die Hälfte aller bundesweiten Audits aus.

Auch die Wirkungsmessung unserer Arbeit wird in Zukunft stärker gewichtet. Die DEZA-Audits machten zwar bereits heute zeitweise die Hälfte aller bundesweiten Audits aus, aber wir wollen neben den klassischen Instrumenten wie Audit und Evaluation noch stärker werden und haben auch ein Compliance-Büro im EDA eingerichtet: Dritte sollen Beschwerden einreichen können, und wir werden die hören, ernst nehmen und davon lernen.

Im 3. Jahrtausend ist es auch wichtig, dass wir sehr gut kommunizieren und uns diesbezüglich verbessern. Es ist noch viel zu wenig bekannt, dass die DEZA seit 60 Jahren in vielen Ländern der Welt wertvolle IZA leistet, wie gut und tiefgründig sie arbeitet. Ich möchte mehr bekannt machen, was wir tun und auch Debatten nicht aus dem Weg gehen!

Frau Danzi, besten Dank für das Gespräch.

Schwerpunkte der Zusammenarbeit

Die DEZA feiert dieses Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass beleuchten wir verschiedene Aspekte der Internationalen Zusammenarbeit – zum Beispiel deren historische Entwicklung. Die internationale Zusammenarbeit IZA hat zum Ziel, weltweit Not und Armut zu lindern, die Einhaltung der Menschenrechte zu verbessern, Demokratie zu fördern und die Umwelt zu schonen. Für die Jahre 2021–2024 wurden folgende thematische Schwerpunkte gesetzt:

  • menschenwürdigen Arbeitsplätzen vor Ort schaffen
  • den Kampf gegen den Klimawandel fortsetzen
  • die Ursachen von Flucht und irregulärer Migration reduzieren
  • Engagement für Rechtsstaatlichkeit

Gemäss Finanzplanung sind insgesamt 11,25 Milliarden Schweizer Franken für die Jahre 2021–2024 vorgesehen. Die IZA-Strategie ist abgestimmt auf die Aussenpolitische Strategie 2020–2023 des Bundes.

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