Humanitäre Minenräumung und Sicherung der landwirtschaftlichen Selbstversorgung in der Ukraine

Am 11. und 12. Juni 2024 wird Bundesrat Ignazio Cassis an der dritten Ukraine Recovery Conference (URC) in Berlin teilnehmen. Die Konferenz ist eine der Etappen auf dem Weg zur Ukraine Mine Action Conference, die im Oktober in Lausanne stattfinden wird. Sie bietet die Gelegenheit, eine der zugrunde liegenden Facetten des Einsatzes der Schweiz für die humanitäre Minenräumung zu entdecken.

Valerii posiert vor seinem Bauernhof in der Oblast Charkiw.

Der Krieg hat auch auf Valeriis Bauernhof zu erheblicher Zerstörung geführt. © FAO/Anastasiia Borodaienko

Die Minen-Kontaminierung von Ackerland in der Kornkammer Europas hat schwerwiegende Folgen für die Rohstoffpreise und die Ernährungssicherheit weltweit. Sie zerstört die Existenzgrundlage der ukrainischen Bäuerinnen und Bauern, was wiederum die Produktionskapazitäten dieser sehr fruchtbaren Region dauerhaft beeinträchtigen kann. Innovative Ansätze können einen Unterschied machen und den Prozess der Minenräumung beschleunigen. Ein Beispiel dafür ist die Kartierung von Gebieten mithilfe von Drohnen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Analyse der Daten aus den gewonnenen Bildern, um verminte Gebiete zu identifizieren. Der Prozess der Minenräumung ist jedoch nach wie vor langsam und gefährlich. Die «Fondation suisse de déminage» (FSD) hat damit begonnen, Land in der Oblast Charkiw von Minen zu befreien, aber sehr viele Bauern in der Region können ihre Arbeit immer noch nicht wieder aufnehmen, zumindest nicht vollständig. Ein weiterer Aspekt des Engagements der Schweiz und ihrer Partner ist die direkte Unterstützung der Bauern bei ihrem langen Warten auf die Entminung ihres Ackerlands.

Der Trost von Liudmyla und Valerii: der Duft der Erde, vermischt mit dem Klang der Rinder

In den Oblasten Charkiw, Mykolaiv und Cherson haben viele Landwirte und andere Akteure der Lebensmittelwertschöpfungskette die Möglichkeit zur Selbstversorgung verloren. Diese Oblaste stehen im Zentrum des Krieges und machen einen grossen Teil der kleinbäuerlichen landwirtschaftlichen Produktion aus. Liudmyla und Valerii, zwei Bauern aus der Region Charkiw, gehören zu diesen Landwirten, die aufgrund der Feindseligkeiten enorm viel verloren haben.

Liudmyla züchtet Vieh für Fleisch und Milchprodukte, füttert Kälber und Ferkel mit Milch und sorgt dafür, dass sie kräftig und gesund heranwachsen. Sie hat den Grossteil ihres Lebens mit der Viehzucht und deren Pflege verbracht. Dies stellt die wichtigste Nahrungs- und Einkommensquelle für ihre Familie dar. Vor der Eskalation des Krieges hatte sie sich um 280 Rinder, 100 Schweine und einige Schafe gekümmert. Die Auswirkungen des Krieges sind heute offensichtlich. 

Das Getreidelager, drei Räume mit jeweils 800 Quadratmetern, ist eine Ruine, ihre Herde wurde dezimiert: 142 Rinder, darunter Kälber, Kühe und Rinder, wurden getötet, und es gibt nur noch 50 Schafe. Die Erinnerung an das verlorene Vieh lastet schwer auf Liudmylas Schultern. «Im Moment haben wir nur noch 98 Hektar Land, die für den Anbau zugänglich sind, was gerade genug ist, um das Futter für das verbliebene Vieh anzubauen. Die Minen sind eine Herausforderung, ebenso wie die Schäden durch Artillerie und der Mangel an Ressourcen für die Fruchtfolge», erklärt sie.

Ein Stück weiter hat der Krieg auch auf Valeriis Bauernhof zu erheblicher Zerstörung geführt. Er hat sein ganzes Leben der Landwirtschaft gewidmet. Seit 20 Jahren bewirtschaftet er seinen Hof in der Oblast Charkiw, wo er Weizen, Mais und Sonnenblumen anbaut. Obwohl die Mengen für den internationalen Handel nicht gross genug sind, sorgen lokale Händler dafür, dass seine Produkte effizient vertrieben werden. Der Bauernhof war eine Einkommensquelle für viele Angestellte und deren Familien in der Region.

Bei den ersten Angriffen wurde ein 30 Kubikmeter grosser Treibstofftank, der mit Diesel und Benzin gefüllt war, zerstört. Wertvolle Ausrüstungsgegenstände gingen verloren. Mehrere Hektar Weizen wurden verbrannt. Das Land um seinen Bauernhof wurde zu einem Schlachtfeld und die Bombardierung der Region führte zu weiteren Zerstörungen. «Wenn ich jetzt Geld hätte, würde ich es für den Wiederaufbau verwenden. Es muss repariert werden, aber es geht nicht darum, alles wieder aufzubauen», erklärt Valerii.

Die Minenräumung auf ihrem Land ist eine Sache. Ihre Betriebe wieder in Stand zu setzen, ist eine ganz andere. Um auf die Situation von Liudmyla, Valerii und Hunderten anderer Bauern in den Oblasten Charkiw und Mykolajiw zu reagieren, hat sich das Welternährungsprogramm (WFP) mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) zusammengetan und in Zusammenarbeit mit dem FSD ein gemeinsames Programm für den Zeitraum 2023-2026 gestartet, um Kleinbauern und ländliche Familien zu unterstützen, die vom Krieg am stärksten betroffen sind. Das Projekt wird vom ukrainischen Humanitären Fonds finanziert und durch einen Beitrag der Schweiz in Millionenhöhe unterstützt.

Liudmyla bat das Nationale Agrarregister um Hilfe und erhielt schnell Unterstützung von der FAO – einen Gutschein im Wert von 1000 US-Dollar, den sie für den Kauf von Kälbern verwendete und so einen soliden Neustart für ihren neuen Betrieb sicherstellte. Mit weiteren 5000 US-Dollar konnte sie Maissaatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel kaufen, die sie für den Aufbau und Betrieb ihres landwirtschaftlichen Betriebs benötigte.

Liudmyla sitzt in ihrem Wohnzimmer, im Hintergrund hängt eine ukrainische Flagge.
Liudmyla bat das Nationale Agrarregister um Hilfe und erhielt schnell Unterstützung von der FAO. © FAO/Anastasiia Borodaienko

Valerii erhielt von der FAO zwei Gutscheine: einen für landwirtschaftliche Produkte und einen für Baumaterialien. Damit kaufte er Sonnenblumenkerne, die wegen der Minen noch nicht ausgesät werden konnten. Ausserdem kaufte er Wellblech, das er verwenden will, um die Dächer seiner beschädigten Lagerhäuser zu reparieren. «Neben der finanziellen Unterstützung haben die FAO und das WFP mit der Minenräumung von 10 Hektar meines Lands begonnen», sagt Valerii. «Alle unsere Felder sind vermint, hauptsächlich durch Antipersonenminen, sogenannte «Petal-Minen», und sie sind weiterhin für den Anbau ungeeignet. Sobald die Minenräumung abgeschlossen ist, werden wir mit einem kleinen Stück Land beginnen und nach und nach wieder so arbeiten, wie vor dem Krieg, oder die Produktion sogar noch steigern.» 

Die von der FAO ausgestellten Gutscheine ermöglichen den Kauf von Materialien, die für die Fortsetzung der Aktivitäten auf minenfreiem oder geräumtem Land benötigt werden, sowie von Baumaterialien zur Reparatur von Gebäudeschäden. Die FAO unterstützte 2860 ländliche Familien im Gebiet Charkiw, die von Minen auf ihrem Land betroffen waren, mit Bargeldzahlungen zur Wiederherstellung ihrer Lebensgrundlage. Diese Unterstützung verringert den Bedarf an humanitärer Hilfe und staatlichen Dienstleistungen und ermöglicht es ländlichen Haushalten, Kleinbauern und landwirtschaftlichen Produzenten, sich wieder selbst zu versorgen.

Von der Schweiz finanzierte Projekte zur humanitären Minenräumung

Die Aktivitäten werden in enger Abstimmung mit der ukrainischen Regierung, den Akteuren im Bereich Ernährungssicherheit und Lebensunterhalt, den Minenräumern und den lokalen Gemeinschaften durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Investitionen die bestehenden Entminungsbemühungen ergänzen. Die Zusammenarbeit zwischen dem WFP, der FAO und der ukrainischen Regierung erstreckt sich auf wichtige Institutionen, insbesondere auf das Ministerium für Agrarpolitik und Ernährung (MASF), das Wirtschaftsministerium und den staatlichen Katastrophenschutzdienst der Ukraine (SESU). Das von der Schweiz finanzierte Projekt zur humanitären Minenräumung wird ebenfalls verknüpft und koordiniert, um Überschneidungen zu vermeiden und positive Synergien zu fördern.

Der Einsatz der Schweiz in der humanitären Minenräumung seit Anfang des 2024.

Angesichts des Ausmasses der Minen-Kontaminierung der Kornkammer Europas wurde am 11. Januar ein erstes Projekt über 10 Millionen Franken zwischen dem EDA und der «Fondation suisse de déminage» (FSD) unterzeichnet. Dieser Betrag ist Teil des Pakets von 100 Millionen Franken, das im September 2023 vom Bundesrat für den Zeitraum 2024-2027 verabschiedet wurde. Dieses sieht für das kommende Jahr den Ausbau und die Intensivierung der Minenräumung in der Provinz Charkiw sowie die Eröffnung einer neuen Operationsbasis im späten Frühjahr in der Provinz Cherson vor. Dank dieser Mittel kann FSD das gesamte Spektrum der Minenräumungsaktivitäten einsetzen, um die lebensbedrohliche Notlage in verminten Gebieten zu bewältigen. In Abstimmung mit den ukrainischen Behörden werden dem FSD mutmasslich kontaminierte Gebiete zugewiesen. FSD führt vor Ort zunächst eine Untersuchung durch, unter anderem mithilfe von Drohnen, um das Ausmass der Kontamination zu ermitteln. Land, das sich als nicht kontaminiert erweist, kann der Bevölkerung wieder zur Nutzung überlassen werden. Land, das sich als kontaminiert erweist, wird anschliessend von den humanitären FSD-Minenräumern geräumt.

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