«Treffen zwischen Schülern und Überlebenden sind immer noch das beste Mittel gegen die Leugnung des Holocausts»

Artikel, 07.03.2017

Die Schweiz übernimmt dieses Jahr den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance. Benno Bättig, der Präsident der IHRA und Generalsekretär des EDA, spricht über die Rolle und die Prioritäten der Schweiz und die Notwendigkeit der Sensibilisierung von Jugendlichen.

Junge Schweizerinnen und Schweizer vor Porträts von Opfern des Holocaust. © CICAD

Warum ist es wichtig, dass die Schweiz den Vorsitz der IHRA übernimmt?

Benno Bättig, Generalsekretär des EDA
Benno Bättig © EDA

Auf politischer Ebene würde ich sagen, um die Kontinuität zu wahren und unsere Verantwortung wahrzunehmen.

Die Schweiz trat schon 2004, als achtzehnter Staat, in die IHRA ein. Seither hat sich die Mitgliederzahl der IHRA fast verdoppelt – sie zählt heute 31 Mitglieder und 11 Länder mit Beobachtungsstatus –, und die Schweiz hat in dieser Zeit ihr Engagement für Holocaust-Bildung, das Gedenken an die Opfer des Holocausts und die Holocaust-Forschung weitergeführt. Der Länderbericht, den wir der IHRA letztes Jahr unterbreitet haben, zeigt dies klar. Dank der Übernahme des Vorsitzes können wir auch die Kontinuität unseres Engagements sichtbar machen und lokale Initiativen in diesem Bereich anregen. Schon 2015 hatte der Bundesrat einstimmig beschlossen, die Bewerbung der Schweiz für den Vorsitz der IHRA zu unterstützen.

Als Bürger und Familienvater würde ich zudem sagen, dieses Präsidialjahr ist wichtig, um die junge Generation an den Holocaust zu erinnern. Wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, was die systematische Diskriminierung, Demütigung und Ausgrenzung des «Anderen» für Folgen haben kann.

Welche persönlichen Schwerpunkte werden Sie dieses Jahr als IHRA-Präsident setzen? Gibt es irgendein Anliegen, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Im Zusammenhang mit dem Präsidialjahr werden mehrere lokale Projekte durchgeführt. Ich freue mich über die Vielfalt dieser Projekte und den Enthusiasmus der Personen, die diese entwickeln. Der Fokus liegt dabei auf drei Themen: Bildung, Jugend und soziale Medien.

Die Jugend und die Bemühungen, diese zu sensibilisieren, liegen mir besonders am Herzen. Schon 2015 hatte ich das Privileg, die erste internationale Konferenz der IHRA in der Schweiz zu eröffnen. Alle waren sich einig, dass diese Konferenz ein grosser Erfolg war, unter anderem dank des Engagements der Pädagogischen Hochschule Luzern. Während des Präsidialjahrs werden an zwei weiteren Pädagogischen Hochschulen Konferenzen und Projekte durchgeführt. Unter anderem werden in Lausanne internationale Studientage durchgeführt, an denen Praxisbeispiele und Erfahrungsberichte zum Umgang mit dem Holocaust in der Schule ausgetauscht werden sollen.

Im Zentrum dieser Projekte stehen immer die Jugend und das Bemühen, sie für diese beispiellosen geschichtlichen Ereignisse zu sensibilisieren. In der Welt meiner Kinder ertrinkt man in Informationen, und die Grenze zwischen der realen und der virtuellen Welt wird immer mehr verwischt. Es ist unsere Aufgabe, der jungen Generation, den Bürgerinnen und Bürgern von morgen, Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie das Wesentliche vom Unwesentlichen, die Realität von der virtuellen Welt unterscheiden können. 

Wie kann man die Jugend sensibilisieren?

Ich möchte ein konkretes Beispiel geben dafür, was ich unter dem Wesentlichen und der Realität verstehe: Gespräche mit Holocaust-Überlebenden. Seit über zwanzig Jahren haben Schulklassen die Möglichkeit, mit Holocaust-Überlebenden, die in der Schweiz leben, Gespräche zu führen. Solche Gespräche hinterlassen bei Schülerinnen und Schülern unvergessliche Erinnerungen, das beste Mittel gegen die Leugnung des Holocausts. Solche Treffen sind also wesentlich und liegen mir deshalb besonders am Herzen. Deshalb hat das EDA in den letzten zehn Jahren über ein Dutzend bisher unveröffentlichte Zeitzeugnisse von Überlebenden publiziert. Französischsprachige Schülerinnen und Schüler haben diese gerade ins Französische übersetzt und konnten bei dieser Gelegenheit die Verfasserinnen und Verfasser dieser Memoiren treffen.

Wie stellt sich die Schweiz die Zusammenarbeit mit den betroffenen Organisationen und Akteuren in der Schweiz vor?

Die Zusammenarbeit hat nicht erst mit dem Präsidialjahr begonnen. Sie bildet aber eine solide Grundlage für die Vorbereitung.

Als die Schweiz auf Initiative des EDA und mit der Unterstützung der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren beschloss, der IHRA beizutreten, wurde eine Gruppe aus den betroffenen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Akteuren eingesetzt. Die Gruppe unterstützte und förderte die Arbeit der Schweizer Delegation bei der IHRA, , diente aber auch der Vernetzung der Akteure und der Sensibilisierung der Praxis in der Schweiz für die Aktivitäten der IHRA.

Im Hinblick auf den IHRA-Vorsitz wurde die Gruppe, die ursprünglich etwa zwanzig Personen zählte, nun noch erweitert. In diesem Rahmen wurden verschiedene Projekte entwickelt, und wir werden einige davon an den beiden Plenarversammlungen in Genf und Bern präsentieren.