«Es geht darum, Leiden zu lindern und Perspektiven zu schaffen.»
Die humanitäre Hilfe muss ihre Prioritäten neu definieren: Ein von Krisen geprägtes geopolitisches Umfeld und massive Budgetkürzungen erschweren ihre Arbeit, weshalb eine Neuausrichtung diskutiert wird. Mit Dominik Stillhart, Delegierter des Bundesrates für Humanitäre Hilfe, haben wir über aktuelle Veränderungen, zentrale Herausforderungen und die Zukunft der humanitären Hilfe gesprochen.

Die humanitäre Hilfe der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ist weltweit im Einsatz, um Menschen in Krisen- und Katastrophensituationen zu unterstützen. Ihre Arbeit umfasst unmittelbare Nothilfe im Ernstfall, den Wiederaufbau zerstörter Strukturen und Massnahmen, die Risiken künftiger Katastrophen mindern sollen.
Was bedeutet es, Nothilfe zu leisten?
Es kommt darauf an, wem Sie die Frage stellen. Nothilfe wird oft mit Nahrungsmittel, Wasser, einem Dach über dem Kopf und medizinischer Hilfe gleichgesetzt. Aber es kommt auf die Situation an. Nothilfe kann auch sein, einer Frau Schutz vor sexueller Gewalt zu leisten, wenn sie auf einer Migrationsroute ist. Nothilfe kann auch eine warme Mahlzeit sein, zum Beispiel jetzt in der Ukraine, wo es minus 20-30 Grad ist.
Was ich aber immer wieder sagen muss ist: Wir können die humanitäre Hilfe nicht einzig und allein auf diese Nothilfe reduzieren, also Leben zu retten. Es geht auch darum, Leiden zu lindern und Perspektiven zu schaffen.
Wenn Mädchen und Jungen plötzlich nicht mehr zur Schule gehen können, ist das eine Katastrophe. Es raubt ihnen wichtige Lebensperspektiven. Natürlich sind Essen und Trinken essenziell. Doch wenn Kinder jahrelang in Camps ohne Bildung aufwachsen, haben sie später kaum Chancen auf Arbeit oder gesellschaftliche Teilhabe. So setzt sich die Gewaltspirale oft fort.
Welche Programme zählen zu den drei grössten im Bereich der humanitären Hilfe der Schweiz?
Die Ukraine, die besetzten palästinensischen Gebiete und der Sudan gehören zu den grössten humanitären Programmen der DEZA. Man darf aber nicht vergessen, dass wir auch in Afghanistan, Syrien oder der Demokratischen Republik des Kongos wichtige Programme führen.
Angesichts der katastrophalen humanitären Situation im Sudan hat der Bundesrat letzten November ein Nothilfepaket von 50 Millionen Franken gesprochen. Wie wurden diese Mittel eingesetzt?
Die zusätzlichen Nothilfemittel wurden jeweils zur Hälfte innerhalb des Sudans sowie zur Bewältigung der Flüchtlingskrise in den Nachbarländern Sudan, Südsudan, Tschad, Ägypten und der Zentralafrikanischen Republik eingesetzt.
Das diesjährige IC-Forum widmet sich unter anderem den durch Budgetkürzungen entstandenen Herausforderungen für die humanitäre Hilfe. Wie wirken sich die aktuellen geopolitischen Entwicklungen mit ihrer zunehmenden Polarisierung und den finanziellen Kürzungen auf die Humanitäre Hilfe aus?
Die Auswirkungen sind signifikant.Die weltweit verfügbaren Mittel für humanitäre Hilfe sind seit 2022 um etwa 45 % zurückgegangen sind. Im letzten Jahr konnten dadurch nur 98 Millionen Menschen humanitäre Hilfe erhalten, obwohl 300 Millionen Unterstützung gebraucht hätten. Zudem verschärfen sich die Hungerkrisen. Im Sudan, wo ich kürzlich war, sind 21 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.
Gibt es eine bestimmte Situation, in der für Sie deutlich wurde, dass die Mittel knapper werden und auch unsere Partnerorganisationen zunehmend unter Druck stehen?
Anfang Februar 2025, knapp drei Wochen nach dem angekündigten Zahlungsstopp der USA, , besuchte ich das Flüchtlingslager im Osten von Bangladesch an der Grenze zu Myanmar. Mit rund zwei Millionen geflüchteten Rohingya ist es das grösste Flüchtlingslager der Welt. Der Zahlungsstopp hatte unmittelbare Auswirkungen für die Menschen vor Ort:Verteilzentren des Welternährungsprogramms und mehrere Schulen mussten unmittelbar schliessen. Es herrschte grosse Unsicherheit über die weitere Entwicklung und den Fortbestand der Hilfseinrichtungen.
Wie reagiert die Schweiz auf die Veränderungen?
Anfang letzten Jahres waren unsere Nothilfemittel schnell aufgebraucht, weil wir in den wichtigsten Krisen sofort Hilfe leisteten. Umso erfreulicher war es, dass das Parlament einen Zusatzkredit von über 50 Millionen für den Sudan gesprochen hat, der aufgrund der akuten Notsituation erforderlich war. Das hat tatsächlich einen spürbaren Unterschied gemacht, weil wir dadurch rasch und unkompliziert umfangreiche Hilfe für die betroffene Bevölkerung leisten konnten. Als ich im Sudan war, habe ich eine grosse Dankbarkeit dafür wahrgenommen.

«Leiden lindern und Perspektiven schaffen»: Wie lassen sich diese beiden Teile im Rahmen der humanitären Hilfe verbinden?
Ein grosser Vorteil der DEZA ist unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten nicht in unseren Silos - humanitäre Hilfe auf der einen Seite, Entwicklungszusammenarbeit auf der anderen Seite. Wir denken und handeln vernetzt. In vielen Ländern kombinieren wir humanitäre Hilfe mit längerfristiger Wiederaufbau- und Entwicklungsarbeit. Die Ukraine ist ein typisches Beispiel dafür, wie unsere verschiedenen Instrumente ineinandergreifen und wirkungsvoll eingesetzt werden.
Wie wird sichergestellt, dass die Programme wie vorgesehen umgesetzt werden?
Wir arbeiten sehr eng mit unseren Partnerorganisationen zusammen und sind teilweise auch in ihren Gouvernanzgremien vertreten. Eine Zusammenarbeit setzt die Erfüllung gewisser Standards voraus. Bei der Auswahl und Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen spielt unser Aussennetz eine wichtige Rolle. Wir sind in vielen von diesen Ländern präsent und sehen, wie diese Organisationen arbeiten.
Welche Rolle spielt die Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen in Zeiten zunehmenden Drucks auf die humanitäre Hilfe?
Die Schweiz wird anerkannt in ihrer Rolle als Verfechterin des internationalen humanitären Völkerrechts. Gerade weil dieses Recht heute massiv unter Druck steht, ist die Rolle der Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen besonders wichtig und gefragt. Dabei geht es nicht bloss um öffentliche Stellungnahmen, sondern auch darum, dem Völkerrecht konsequent Nachdruck zu verleihen in unseren diplomatischen Beziehungen. Die Einhaltung des Völkerrechts ist die wirksamste Massnahme, um Menschen zu schützen, ihre Verwundbarkeit zu verringern und humanitäre Bedürfnisse spürbar zu reduzieren.
Am diesjährigen IC Forum steht im Zentrum, wie die humanitären Prioritäten in einem sich wandelnden geopolitischen Umfeld neu definiert werden müssen. Welche konkreten Impulse erhoffen Sie sich vom diesjährigen IC-Forum für die humanitäre Arbeit der Schweiz?
Ich erhoffe mir, dass wir durch unser interessantes Programm und unsere vielfältigen Gäste nicht bloss in unseren eigenen Echokammern diskutieren, sondern mit Akteuren aus dem globalen Süden, dem Privatsektor, der Forschung und der Zivilgesellschaft einen Dialog finden, um kontroverse Diskussionen führen zu können, neue Ansätze zu evaluieren und wirksame Lösungen zu finden.
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