Nur eine Frage der Zeit
Natürliche Ressourcen im Weltall abbauen oder Wissen direkt aus den Köpfen anderer Menschen downloaden. Was einst Science Fiction war, ist heute in greifbarer Nähe und nur eine Frage der Zeit. Die vom EDA unterstützte Stiftung «Geneva Science and Diplomacy Anticipator» fördert das Ahnungsvermögen von Durchbrüchen in Wissenschaft und Technologie. An ihrem ersten Gipfel präsentiert sie ihr Breakthrough Radar.

Zwischen Mars und Jupiter dreht der Asteroid «Davida» seit Tausenden von Jahren seine Runden. Im Innern des ungefähr 300 Kilometer grossen Weltraumtrabanten liegen Unmengen an Eisen, Kobalt und Nickel. Das wissenschaftliche Start-Up Planetary Resources schätzt den Wert dieser Vorkommen auf 15 Quintillionen Dollar. Zum Vergleich. Die Gesamtsumme von Bargeld im Umlauf und Vermögen auf Bankkonten weltweit betrug gemäss Forbes im Jahr 2019 rund 96 Billionen Dollar. Dies entspricht dem Verhältnis der Fläche Afrikas im Vergleich mit der Fläche eines Marienkäfers:

Auf «Davida» kurvt also eine Unsumme Geld durch den Kosmos. Experten zufolge ist die Menschheit in mindestens 25 Jahren soweit Raketen auf den Asteroiden zu schiessen und diesen Reichtum abzubauen. Damit stellen sich der internationalen Gemeinschaft schon heute neue Fragen: Wie gross ist das Potenzial der Weltraumressourcen und wird die Menschheit in der Lage sein, sie gerecht zu nutzen? Soll die Expansion in den Weltraum vorangetrieben werden, um die Entwicklung auf der Erde anzukurbeln? Welche Rechte sollten Staaten haben, um Ressourcen ausserhalb der Erdumlaufbahn zu besitzen?
Diese Fragen zeigen auf: Die Nutzung von Weltraumressourcen erfordert einen erneuerten Multilateralismus, um sicherzustellen, dass zum Beispiel im Fall von «Davida» die möglichen Vorteile der Weltraumexpansion der gesamten Menschheit zugute kommen. Hier betritt die Wissenschaftsdiplomatie das Spielfeld.

Das beste aus dem Wissen machen für kollektives Wohlergehen
Ein Scharnier zwischen der Wissenschaft und der Diplomatie ist die Stiftung Geneva Science Diplomacy Anticipator (GESDA). Mit dem Motto «Die Zukunft nutzen, um die Gegenwart zu gestalten» arbeitet die Stiftung darauf hin, bahnbrechende Fortschritte in der Wissenschaft zu verstehen und gegebenenfalls zu nutzen, um das kollektive Wohlergehen zu sichern. Die Stiftung fördert Ahnungsvermögen, das nichts mit Kaffeesatzlesen zu tun hat und bereitet dieses für Entscheidungsträger aus der Politik, der Wirtschaft und für die Öffentlichkeit auf. Dies geschieht auf drei Ebenen:

Gegründet wurde GESDA 2019 auf Initiative des Bundesrats und des Genfer Staatsrates hin vor dem Hintergrund, dass das Tempo wissenschaftlicher und technischer Durchbrüche massiv zugenommen hat. Gleichzeitig hat die Menschheit immer weniger Zeit sich an Neuerungen zu anzupassen, beziehungsweise Gesetze und Standards zu schaffen, welche die neuen Realitäten normieren. Ein Beispiel: Als vor hundert Jahren die ersten Autos auf die Strassen rollten, konnte sich lange nicht jede Familie ein Auto leisten. Verkehrsregeln, die mittlerweile überall auf der Welt gelten, konnten langsam über die Zeit gedeihen. Wenn nun – rein hypothetisch – ein Produkt für das Erweitern der menschlichen Fähigkeiten wie der Download von Erinnerungen oder Wissen anderer Menschen auf den Markt kommt, müssten die Menschenrechte innerhalb kürzester Zeit überarbeitet werden. Was einst Science Fiction war, ist heute jedoch schon in greifbarer Nähe.
Der erste Geneva Science and Diplomacy Anticipation Gipfel
Das Beispiel des Asteroiden «Davida» ist eines von vielen, das zwischen dem 7. und 9. Oktober 2021 am ersten «Geneva Science and Diplomacy Anticipation Summit» in Genf diskutiert wird. Zahlreiche hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, internationalen Organisationen und der Öffentlichkeit werden in Genf erwartet. Am Gipfel präsentiert GESDA seinen Breakthrough Radar, das ausgerichtet auf die Zukunft wissenschaftliche Fortschritte in vier Bereichen bewertet:
- Quantenrevolution und künstliche Intelligenz
- Menschliche Augmentation
- Öko-Regeneration und Geo-Engineering
- Vorausschauende Wissenschaftsdiplomatie
Ein gemeinsames Ahnungsvermögen

«Damit die globale Gouvernanz mit dem technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt mithalten kann, gibt es GESDA», sagt Alexandre Fasel, Sonderbeauftragter für Science Diplomacy im EDA. «Die internationale Gemeinschaft muss erkennen und verstehen, was an Neuerungen über sie hereinbricht, damit sie ihre Handlungsfähigkeit und ihr Gestaltungsvermögen bewahren kann. GESDA hilft ihr dieses Ahnungsvermögen zu entwickeln.»
Dass GESDA in Genf gegründet wurde, ist kein Zufall. Das internationale Genf gilt als eines der bedeutensten Zentren der globalen Governanz. Gemessen an der Anzahl der internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, die in Genf angesiedelt sind, und der Anzahl von Diplomaten und internationalen Beamten, die hier tätig sind, ist es wohl schlechthin das bedeutendste Zentrum. Mitunter wird das internationale Genf als der Maschinenraum des internationalen Systems bezeichnet, weil ein so bedeutender Anteil der Tätigkeit der weltumspannenden Organisationen in Genf konzipiert und aus Genf gesteuert werden.
Internationales Genf im Dienst der Welt und der Schweiz
Es ist auch kein Zufall, dass GESDA vom Bundesrat und der Genfer Regierung gegründet wurde. «Unsere Motivation ist eine zweifache», sagt Fasel. «Da ist einerseits unsere Eigenschaft und unsere Leistung als Gaststaat des internationalen Genf. Sie verleihen uns eine prominente und anerkannte Stellung in der internationalen Gemeinschaft. Diese schätzt es, wenn wir Genf als neutrale Plattform, auf der die globalen Akteure zusammenkommen und sich finden können, stetig weiterentwickeln. Und andererseits gehört die Schweiz in Wissenschaft, Technologie und Innovation zur absoluten Weltspitze! Unser Ansatz, die Wissenschaftsdiplomatie im internationalen Geschehen besser zu verankern und zu nutzen, ist schlüssig und glaubwürdig!»
Die Schweiz gehört in Wissenschaft, Technologie und Innovation zur absoluten Weltspitze!
Wer zieht letztlich Nutzen aus der Tätigkeit von GESDA? «Die Weltgemeinschaft durch die weitere Stärkung des internationalen Genf und dadurch eben gerade auch die Schweiz selber!», meint Fasel «Als Land wissen wir, dass es uns gut geht, wenn es allen gut geht! Und wenn wir hierzu einen Beitrag leisten können, in welchem die Leistung unserer Spitzenforschung und unserer innovativen Wirtschaft besonders zum Tragen kommt, profitieren diese am Schluss selbst davon!»
Alle profitieren
Doch es sind nicht nur das Internationale Genf, die Schweizer Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Schweizer Unternehmen, die vom kollektiven Ahnungsvermögen und den daraus abgeleiteten Handlungen profitieren können. Von der Arbeit, die GESDA leistet, profitiert auch die gesamte Menschheit und somit auch die Schweizer Bevölkerung. An der Lösung von Problemen wie dem Kampf gegen Krebs (Stichwort mRNA ), Alzheimer, Klimawandel und Sicherung des Wohlstands arbeiten weltweit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Hochdruck. Es ist also nur eine Frage der Zeit bis der nächste Durchbruch im Raum steht oder ein Raumfrachter auf «Davida» landet.
Science-Diplomacy – ein Instrument der Schweizer Aussenpolitik
Für eine wirksame Aussenpolitik verfolgt die Schweiz einen kohärenten, strategischen Ansatz. Der Bundesrat legte in seiner Aussenpolitischen Strategie 2020-2023 nach der Analyse der gegenwärtigen Weltlage und unter Einbezug von zukunftsträchtigen Trends und Tendenzen vier Ziele fest. Die Bereiche Frieden und Sicherheit, Wohlstand, Nachhaltigkeit und Digitalisierung geben die allgemeine Stossrichtung für thematische und geografische Folgestrategien vor. Dadurch werden Doppelspurigkeiten vermieden und Synergien aller involvierten Partner genutzt.
Science-Diplomacy ist wichtig für den aussenpolitischen Schwerpunkt Frieden und Sicherheit: Wo die Politik keine Möglichkeit zum Dialog mehr findet, kann es der Wissenschaft gelingen, Vertrauen und Beziehungen zwischen Staaten zu fördern und gemeinsame, aber auch globale Probleme anzugehen. Die Leitlinien für Science-Diplomacy publiziert das EDA im Jahr 2022.
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