Frauen organisieren sich angesichts von Klimawandel und Naturkatastrophen

Artikel, 06.03.2017

Der Umstand, dass Frauen gewöhnlich stärker unter dem Klimawandel und Naturkatastrophen leiden als Männer, ist Ausgangspunkt einer gezielten Aktionsstrategie der DEZA. Sie sieht vermehrt Projekte vor, in denen Frauen eine zentrale Rolle spielen, wenn es um ihre soziale und wirtschaftliche Selbstbestimmung geht.

Eine junge Frau trägt ein grosses Bündel frisches Gras auf dem Rücken.
Im Norden Indiens ermutigt die DEZA Frauen, die Auswirkungen des Klimawandels wettzumachen, indem sie ihre Forstprodukte diversifizieren. © DEZA

Im bolivianischen Hochland, in Haiti oder in ländlichen Gebieten Indiens leiden die Frauen ungleich mehr unter dem Klimawandel und Naturkatastrophen. Sie sind aufgrund ihrer Aufgaben im Haushalt stärker vom Zugang zu natürlichen Ressourcen abhängig als die Männer. Bei Ressourcenverknappung bricht ein (Über-)Lebenssystem in sich zusammen. Gewisse Frauen verlieren dabei die bescheidene finanzielle Unabhängigkeit, die sie besassen.

Diese wenigen Beispiele veranschaulichen, dass sich Klimawandel und Naturkatastrophen negativ auf die Gleichstellung von Frauen und Männern auswirken.

Um diesen Trend umzukehren, rückt die DEZA die Frauen ins Zentrum ihrer Projekte im Bereich Anpassung an den Klimawandel und Katastrophenprävention. Zwei Ziele auf einmal: Verminderung der Ungleichheiten zwischen Mann und Frau und Förderung von Flexibilität, Innovationskraft und Resilienz, über die viele Frauen verfügen. Je nach Projekt können sich Frauen direkt an Sensibilisierungskampagnen oder Ausbildungsworkshops beteiligen. Bei anderen Projekten geht es um die Stärkung ihrer Rolle in der Gesellschaft, indem praktische Aspekte des alltäglichen Lebens verändert werden.

Ökologisch kochen, Schutzmassnahmen und Mikroversicherungen

Die DEZA trägt mit ihrem Projekt «Energising Development» dazu bei, das Schicksal von vielen Frauen zu verbessern. Ziel ist es, mehrere Millionen Menschen in Entwicklungsländern mit umweltverträglichen Energieressourcen zu versorgen. Mit neuen und verbesserten Kochsystemen (gewisse mit Biogas), die keine giftigen Gase erzeugen, kann insbesondere die Gesundheit von Frauen und Mädchen, die gewöhnlich fürs Kochen zuständig sind, besser geschützt werden. Dadurch entfällt auch die harte Arbeit der Holzbeschaffung.

Projekt „Nachhaltiger Zugang zu klimafreundlicher und bezahlbarer Energie“

In Haiti, dem vom Klimawandel am drittstärksten betroffenen Land der Welt, setzt die DEZA auf einen partizipativen Ansatz, um möglichst viele Menschen in die Aktivitäten im Bereich der Katastrophenprävention einzubeziehen. Unter verschiedenen Partnerorganisationen wurde die NGO Fanm Deside («les femmes décident», die Frauen entscheiden) ausgewählt, weil sie in der haitianischen Gesellschaft, namentlich unter den Frauen, eine wichtige Rolle spielt. Die NGO sensibilisiert die Menschen für Katastrophenrisiken und ermutigt die ländliche Bevölkerung, sich am Bau von Basisinfrastrukturen (Schutzmauern, Gabione, Mikrostaudämme) zu beteiligen. Dadurch soll die Bedrohung durch Hochwasser eingedämmt werden. Die lokalen Gemeinschaften stellen die erforderliche Arbeitskraft bereit und werden dafür bezahlt.

In Indien werden zudem Projekte im Bereich der Anpassung an den Klimawandel durchgeführt, in denen Frauen eine führende Rolle spielen. Im Norden des Landes unterstützt die DEZA Frauen beim Anbau von Medizinalpflanzen. Sie sollen andere traditionelle Forstprodukte ersetzen, die wegen des Klimawandels weniger Erträge abwerfen.

In Indien unterstützt die DEZA zudem den Aufbau eines Mikroversicherungsmodells, das die Rolle der Frauen in der landwirtschaftlichen Produktionskette stärken soll. Um sich vor unvorhergesehenen klimatischen Ereignissen zu schützen, stehen der ländlichen Bevölkerung Krankenversicherungen und Versicherungen für ihre Kulturen und/oder Nutztiere zur Auswahl. Die Gründung einer gemeindebasierten Versicherung ist an eine Bedingung geknüpft: Es muss mindestens eine Frau im Projekt mitwirken. In den neuen Versicherungsmodellen werden die Frauen in die Entscheidungsprozesse einbezogen. Sie stellen heute 60% der Versicherten dar.

Internationales Engagement

Die DEZA setzt sich auch auf multilateraler Ebene für die Geschlechtergleichstellung ein, namentlich in mehreren internationalen Partnerorganisationen. Beispiel: Auf Empfehlung der Schweiz und weiterer Geber hat der Fonds zur Anpassung an den Klimawandel (Adaptation Fund) entschieden, alle seine Projekte anhand eines genderspezifischen Aktionsplans (Gender Policy and Action Plan 2017–2019) zu validieren. Seit 2010 hat diese im Rahmen des Kyoto-Protokolls entstandene Organisation rund 360 Millionen USD für Projekte in über sechzig Ländern ausgegeben.

Podiumsdiskussion

Die Rolle der Frauen angesichts von Klimawandel und Naturkatastrophen ist Thema einer Podiumsdiskussion, die am 8. März 2017 aus Anlass des Internationalen Tags der Frau durchgeführt wird. Vier renommierte Expertinnen wurden zu diesem Gespräch eingeladen.

Agenda

Vier Fragen an Bridget K. Burns

Bridget K. Burns © WEDO

Bridget K. Burns ist Ko-Direktorin von WEDO, einem Think Tank, der sich für die Anliegen der Frauen einsetzt.

Teilen Sie die Ansicht, dass Frauen und Mädchen ungleich stärker von Naturkatastrophen und den Folgen des Klimawandels betroffen sind als Männer?

Grundsätzlich stimmt diese Aussage, hauptsächlich aufgrund struktureller Ungleichheiten, die die Frauen benachteiligen und die Normen, Institutionen und den Alltag beeinflussen. Es müssen aber auch noch andere Faktoren berücksichtigt werden wie z.B.  Herkunft, Alter, Einkommen, Bildung. Eine interessante Erkenntnis lieferte jüngst eine Studie, an der WEDO auch mitgewirkt hat. Sie konnte nachweisen, dass bei schweren Überschwemmungen die Sterberate bei Männern höher ist.