Internationale Zusammenarbeit

«Es ist wichtig, dass Entwicklungszusammenarbeit rasch auf Krisen reagieren kann»

30 Tonnen an Hilfsmaterial lieferte die Schweiz Ende Mai nach Nepal, um das Land im Kampf gegen Covid-19 zu unterstützen. Für die Schweizer Botschafterin in Nepal, Elisabeth von Capeller, ein Beispiel für die wirksame Verknüpfung von Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe: Die Schweiz kann rasch auf die Hilfsanfrage Nepals reagieren, während ihre langjährige Partnerschaft im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Zugang schafft und sicherstellt, dass Systeme gestärkt werden.

Ein Wagen transportiert auf dem Flugfeld Pakete mit Hilfsgütern zu einer Lagerhalle.

Nach der Landung in Kathmandu: Die Hilfsgüter der Schweiz werden in eine Lagerhalle gebracht und von dort an die Orte transportiert, an denen sie gebraucht werden. © Prabin Ranabhat / Pahilopost.com

Frau von Capeller, die Schweiz hat Ende vergangener Woche 30 Tonnen humanitärer Hilfsgüter nach Nepal geschickt. Wo werden die Geräte gebraucht?

Die Bedürfnisse in Nepal sind riesig und das Gesundheitssystem ist völlig überlastet. Das Land verfügt über nur wenige Ärzte und Intensivbetten und kann so der Pandemie nicht viel entgegenhalten.

Vier Personen, darunter die Schweizer Botschafterin in Nepal, Elisabeth von Capeller, stehen auf dem Flugplatz von Kathmandu vor einer Palette mit Hilfsgütern.
Die Schweizer Botschafterin in Nepal, Elisabeth von Capeller (2.v.l.) übergibt am Flughafen in Kathmandu die Schweizer Hilfslieferung an den nepalesischen Minister für Gesundheit und Bevölkerung, Hridayesh Tripathi. © EDA

Welche Hilfsgüter standen für die Schweiz bei der Lieferung im Vordergrund?

Wir haben uns auf jene Hilfsgüter konzentriert, die wir rasch zur Verfügung stellen konnten, mit dem Ziel, das Gesundheitssystem zu stärken. Auf alle Anfragen konnte die Schweiz nicht reagieren. So konnten wir z.B. keine Impfungen liefern, obwohl diese dringend gebraucht werden.

Deshalb hat die Schweiz rund 1,1 Millionen Antigentests nach Nepal geschickt. Denn Nepal verfügt über eine PCR-Testkapazität von lediglich 20'000 Tests pro Tag. Getestet wird vor allem in Kathmandu und den Provinzhauptstädten. Mit den Antigentests der Schweiz kann nun auch in den Dörfern und an den Grenzübergängen rasch und unkompliziert getestet werden. Die Schweizer Tests sind bereits in den Provinzen angekommen und wurden von dort in die Gemeinden geschickt.

Wir haben uns auf jene Hilfsgüter konzentriert, die wir rasch zur Verfügung stellen konnten, mit dem Ziel, das Gesundheitssystem zu stärken.

Neben den Tests hat die Schweiz auch 40 Ventilatoren geliefert.

Ja. Hier gestaltet sich die Lage etwas anders. Bei den Ventilatoren handelt es sich um hochspezifiziertes Material. Es kann ausschliesslich in Spitälern zum Einsatz kommen, die bereits über intensivmedizinische Abteilungen sowie ausgebildetes Personal verfügen. Dennoch werden diese Geräte dringend gebraucht: In Nepal gibt es gerade einmal 600 Ventilatoren für eine Bevölkerung von fast 30 Millionen Menschen. Das Gesundheitsministerium hat uns mitgeteilt, in welche Spitäler die von der Schweiz zur Verfügung gestellten Ventilatoren verbracht wurden. Wir unterstützen nun die Installation der Geräte.

Eine Pflegeperson kümmert sich in einem Spital um einen Patienten.
Ventilatoren und Antigentests werden in Nepal im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie dringend gebraucht. © Nishant Gurung

Welche Rolle hatte die Botschaft bei der Vorbereitung der Hilfslieferung und mit welchen Stellen war sie dabei in Kontakt?

Im Vorfeld der Schweizer Hilfslieferung stand die Botschaft in engem Austausch mit verschiedenen nepalesischen Behörden sowie anderen Gebern. Wir koordinierten mit dem Gesundheitsministerium, der nepalesischen Krisenzelle sowie der UNO, Weltbank und anderen Partnern, um sicherzustellen, dass dringend benötigte Güter zeitnah in Nepal eintreffen und Doppelspurigkeiten vermieden werden. Zudem holten wir bei den zuständigen Stellen die benötigten Lande- und Einfuhrbewilligungen ein. Diese Koordination mitten in einer Gesundheitskrise war eine grosse Herausforderung für die Botschaft.

Die Schweiz hat Nepal schon vor einigen Monaten unterstützt, als sie die Lieferung von Covid-19-Testkits ermöglicht hat. Wie hat sich die Situation in letzter Zeit entwickelt und wie erleben Sie die Lage im Land?

Im Vergleich zur ersten Welle im letzten Jahr gibt es viel mehr Betroffene. Zudem sind die Verläufe auch bei jüngeren Personen schwerer. Die Regierung hat strenge Massnahmen erlassen und die Menschen haben Angst. Die Hauptstadt Kathmandu gleicht derzeit einer Geisterstadt. Dennoch kann diese Situation nicht lange anhalten, denn Nepal kennt keine Sozialversicherung und die Menschen müssen arbeiten, um zu überleben. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie treffen das Land schwer, hunderttausende von Menschen drohen in die Armut zurückzufallen. Dies in einem Zeitpunkt, wo sich das Land noch von dem schweren Erdbeben 2015 erholt. Zusätzlich zur Pandemie durchlebt Nepal gerade eine schwere politische Krise, nach der Auflösung des Parlaments soll es noch dieses Jahr zu Neuwahlen kommen.

Die Schweiz verfolgt bei der internationalen Zusammenarbeit in Nepal einen systemischen Ansatz, versucht also, langfristig auf einzuwirken. Wie kann die Schweiz konkret bei der Bekämpfung der Pandemie helfen, die Nepal ja nicht nur im Gesundheitsbereich trifft, sondern auch eine soziale und ökonomische Krise darstellt?

Es ist wichtig, dass die Entwicklungszusammenarbeit rasch und flexibel auf solche Krisen reagieren kann. So haben wir letztes Jahr unsere Programme weitgehend der neuen Situation angepasst, z.B. hat ein Projekt, welches normalerweise Migranten auf die Ausreise vorbereitet, kurzzeitig den Fokus auf rückkehrende Migranten verändert.

Durch punktuelle Interventionen konnte die Schweiz auf dringliche Anfragen der Regierung reagieren. So konnte die Schweiz bei der Beschaffung von 70'000 PCR-Tests unterstützen. Diese trafen just in dem Moment ein, als dem Land die Tests ausgingen. Solche Aktionen stärken das Vertrauen in die Schweiz als verlässliche Partnerin.

Es ist wichtig, dass die Entwicklungszusammenarbeit rasch und flexibel auf solche Krisen reagieren kann.

Die DEZA hat auch Spitäler im Ausbau des Wasser- und Abfallmanagements unterstützt und hat einen Fond für Kleinst- und Kleinunternehmen errichtet, damit diese während der Krise funktionieren und ihre Angestellten weiterbeschäftigen können. Wichtig ist dabei, auch während der Krise einen systematischen Ansatz beizubehalten und sicherzustellen, dass wir Systeme aufbauen und unterstützen, die nachhaltig sind. 

Die aktuelle Hilfslieferung ist eine Nothilfemassnahme. Wie lässt sich an diesem Beispiel illustrieren, wie die Schweiz kurzfristige Nothilfe und langfristige Unterstützung in einem Land miteinander verbindet?

Es ist wichtig, dass die Schweiz mit der ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten flexibel agiert, wobei sich die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Nothilfe komplementieren. Die humanitäre Nothilfe konnte rasch auf die Hilfsanfrage Nepals reagieren, während die langjährige Präsenz und Partnerschaft im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Zugang schafft und sicherstellt, dass Systeme gestärkt werden. So wurde in Nepal alles über das Gesundheitsministerium abgewickelt, von der Bedarfsabklärung bis hin zur Verteilung. Natürlich gibt es Schwächen in diesem System, aber es ist ja gerade unsere Aufgabe, Nepal bei der Überwindung dieser Herausforderung zu unterstützen.

Die humanitäre Nothilfe konnte rasch auf die Hilfsanfrage Nepals reagieren, während die langjährige Präsenz und Partnerschaft im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Zugang schafft und sicherstellt, dass Systeme gestärkt werden.

Kurzfristige Nothilfe ist wichtig und konnte durch den Schweizer Nexus-Ansatz zielführend eingebracht werden. Das ist leider nicht immer so. Wir beobachten hier bereits nach wenigen Wochen, wie Güter unkoordiniert und am System vorbei ins Land gebracht werden. Dies schwächt die Regierungsstruktur und lädt zu Korruption und Machenschaften ein. Deshalb ist es wichtig, sich die längerfristigen Entwicklungsziele stets vor Augen zu halten.

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