Punkt der Diplomatie
Diplomatische Mitarbeitende und Führungskräfte des EDA äusssern sich zu einem aktuellen Thema unter der Rubrik «Punkt der Diplomatie» des Newsletters von Kommunikation EDA. Lesen Sie ihren vollständigen Text.
Alle zwei Monate nehmen diplomatische Mitarbeitende und Führungskräfte Stellung zu einem aktuellen und für das EDA wichtigen Thema.
Juni 2025

Rita Adam
Schweizer Botschafterin bei der Europäischen Union
Engagement, Vertrauen und Hartnäckigkeit: Vier Jahre Beziehungen Schweiz-EU aus der Sicht von Brüssel
Am 13. Juni hiess der Bundesrat die Abkommen Schweiz-EU gut und eröffnete die Vernehmlassung zum Paket zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen. Gestern traf der Chef des EDA Ignazio Cassis EU-Kommissar Maroš Šefčovič in Brüssel, um eine gemeinsame Erklärung zur Zusammenarbeit während der Ratifikationsphase zu unterzeichnen – ein symbolischer Moment in unserer Partnerschaft mit der EU.
Als ich vor vier Jahren als erste Frau die Leitung der Mission der Schweiz bei der EU in Brüssel übernahm, war die Stimmung ganz anders. In einem Wort: eisig. Die Beendigung der Verhandlungen zum institutionellen Rahmenabkommen durch den Bundesrat im Mai 2021 stiess in den EU-Institutionen weitherum auf Unverständnis.
Die Kommission liess uns ihre Frustration deutlich spüren - nicht nur durch den Ausschluss der Schweiz von der Forschungszusammenarbeit, sondern auch im Arbeitsalltag. So durften zum Beispiel verschiedene Kommissionsvertreter keine Einladungen der Schweiz mehr annehmen.
Zu den Vertretern der Mitgliedstaaten hingegen, den sogenannten Ständigen Vertretern, hatte ich von Beginn weg einen guten Zugang. Viele schätzen die Schweiz aufgrund von Einsätzen in Genf oder persönlichen Erfahrungen. Doch auch sie stellten sich in bemerkenswerter Geschlossenheit hinter die harte Haltung der Kommission – entgegen mancher Hoffnungen in der Schweiz.
Die Stimmung begann zu drehen
Es brauchte viel Engagement von beiden Seiten, um während der Sondierungs- und Verhandlungsphase zum Paket akzeptierbare Lösungen zu erarbeiten und gleichzeitig das Vertrauen wieder aufzubauen. Juraj Nociar, der Kabinettschef von Kommissar Šefčovič, erzählte uns einmal, im Kommissionshauptsitz Berlaymont lachten ihn die Leute auf den Gängen aus, wenn er sich zu Fortschritten der Gespräche äusserte.
Die Chefunterhändler Patric Franzen und Richard Szostak liessen sich davon nicht beirren und arbeiteten sich mit grosser Hartnäckigkeit vor. Rund ein Dutzend Mitarbeitende unserer Mission unterstützte die Verhandlungen durch die Teilnahme an den einzelnen Tracks. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Sondierungsphase im Herbst 2023 begann die Stimmung zu drehen.
Am Tisch, umgeben von Dokumenten
Bei einem Treffen zwischen Staatssekretär Alexandre Fasel und Kabinettschef Nociar im Frühling 2024, kurz nach Verhandlungsstart, schien sich das Tête-à-Tête endlos hinzuziehen. Neugierig spähten wir restlichen Delegationsmitglieder durchs Fenster – die beiden sassen nicht mehr in der Sofaecke, sondern am Tisch, umgeben von Dokumenten. Diese betrafen die Projektorganisation und die bereits laufenden Arbeiten im Hinblick auf die parlamentarische Phase. Nociar war sichtlich beeindruckt. Im Herbst 2024 begrüsste mich Kommissar Šefčovič mit einer Umarmung, als wir uns im Berlaymont zufällig begegneten. Da war für mich klar: wir waren auf der Schlussgeraden.
Rückblickend muss man sagen: der politische Wille auf beiden Seiten, die Verhandlungen bis Ende 2024 zu Ende zu bringen, hat sich ausgezahlt. Seit Januar 2025 hat die Diversifizierung und Vertiefung von Partnerschaften sowohl für die Schweiz als auch für die EU an Wichtigkeit gewonnen.
Klare Perspektiven
In Brüssel spüre ich heute grosse Erleichterung: Nach rund 15 Jahren Friktionen rund um die Schweizer Binnenmarktteilnahme eröffnen sich klare Perspektiven. Nun beginnt die Ratifikationsphase. Eine unserer Prioritäten in dieser Phase wird sein, die Behandlung des Pakets im EU-Rat zu begleiten und potenzielle Irritationen im bilateralen Verhältnis frühzeitig zu identifizieren und zu entschärfen. Insbesondere bei den offenen Handelsfragen zwischen den USA und der EU gilt es wachsam zu sein – Drittstaaten könnten schnell zwischen die Fronten geraten.
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