Die sechste Ausgabe der Emna rumantscha wird in Slowenien gefeiert
Die Schweiz und Slowenien teilen nicht nur eine ausgedehnte Alpenlandschaft, sondern auch ein starkes Engagement für den Schutz und die Förderung von Minderheiten sowie der Mehrsprachigkeit. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den offiziellen Besuch von Bundesrat Ignazio Cassis in Ljubljana und Štanjel, der für den 19. Februar 2026 geplant ist. Ein Interview mit der Schweizer Botschafterin in Slowenien, Gabriele Schreier.

Am 19. Februar wird in Slowenien auch Rätoromanisch zu hören sein. Anlässlich des offiziellen Besuchs von Bundesrat Ignazio Cassis und seiner Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern der slowenischen Regierung steht auch das Engagement beider Länder für sprachliche und kulturelle Vielfalt im Mittelpunkt. Auf slowenischem Staatsgebiet werden zahlreiche Sprachen gesprochen: Neben der Amtssprache Slowenisch sind auch Italienisch, Ungarisch und Deutsch präsent. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) begeht die sechste Ausgabe der Emna da la lingua rumantscha – der internationalen Woche der rätoromanischen Sprache – mit einer Veranstaltung im Museum der slowenischen Sprachen und des Buches in Štanjel. Die Kleinstadt nahe der italienischen Grenze verkörpert im Alltag eine grenzüberschreitende Kultur des Austauschs. Die Emna da la lingua rumantscha bietet somit die Gelegenheit, eine zentrale Botschaft zu vermitteln: Die Vielfalt der Sprachen und Kulturen ist eine Ressource, die den Dialog stärkt, das Funktionieren der Demokratie unterstützt und zur Stabilität beiträgt. Auch Gabriele Schreier, seit 2022 Schweizer Botschafterin in Slowenien, unterstreicht den diplomatischen Mehrwert der sprachlichen und kulturellen Vielfalt der Schweiz.

Zwischen der Schweiz und Slowenien bestehen ausgezeichnete Beziehungen mit einem starken Fokus auf die Wirtschaft. Die Beziehungen gehen aber weit über Wirtschaft und Handel hinaus. Die geplanten Treffen von Bundesrat Cassis mit der Präsidentin der Republik und der Ministerin für auswärtige und europäische Angelegenheiten bieten Gelegenheit für einen Austausch über die verschiedenen wichtigen Themen, über Europa, die aktuelle geopolitische Lage, aber natürlich auch den Schutz der Minderheitssprachen. Wie die Schweiz setzt sich auch Slowenien zudem für ein starkes multilaterales System und die Einhaltung des Völkerrechts ein.
Beim Treffen von Bundesrat Cassis mit dem Minister für Kohäsion und regionale Entwicklung wird dann die Umsetzung des Kooperationsprogramms Schweiz-Slowenien im Rahmen des zweiten Schweizer Beitrags im Zentrum stehen.
Die Schweiz und Slowenien setzen sich beide für den Schutz und die Förderung von Minderheiten sowie die Mehrsprachigkeit ein. Worin bestehen diese Anstrengungen konkret?
Slowenien grenzt an Italien, Österreich, Ungarn und Kroatien. Die Nachbarschaft hat die Geschichte des Landes kulturell und sprachlich stark geprägt. Amtssprache ist Slowenisch, welche von gut 87% der Bevölkerung gesprochen wird. Aber auch Minderheitensprachen sind verbreitet. Wie für die Schweiz ist auch für Slowenien der Schutz und die Bewahrung kultureller und sprachlicher Identitäten und Gemeinschaften wichtig. Die Verfassung unterscheidet zwischen autochthonen und anderen Minderheiten respektive Volksgruppen. So werden die italienische und ungarische Minderheit gemäss der slowenischen Verfassung als autochthone Minderheiten anerkannt, und auch die Roma geniessen verfassungsrechtlich einen anerkannten Status.
Wie wirkt sich diese Anerkennung aus?
Diese verfassungsrechtliche Anerkennung als autochthone Minderheit bringt bestimmte Rechte mit sich, z.B. zur Erziehung und Bildung in der eigenen Sprache oder zur Verwendung der Sprache als Amtssprache im jeweiligen Hauptsiedlungsgebiet. Die italienische und die ungarische Minderheit haben im Parlament zudem einen garantierten Sitz. Vertreter der Romagemeinschaft haben in ihren traditionellen Siedlungsgebieten ein Mitbestimmungsrecht auf Gemeindeebene. Die Rechte weiterer Minderheiten zur Pflege der eigenen Kultur, Identität und Sprache werden mittels eines Gesetzes aus dem Jahr 2024 neu geregelt und gestärkt. Das betrifft vor allem Zuwanderer aus Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, welche Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Mazedonisch und Albanisch sprechen.
Was zeichnet die Beziehungen zwischen der Schweiz und Slowenien aus? Gibt es aufgrund der Tatsache, dass beide Länder Alpenländer sind, besondere Gemeinsamkeiten?
Der Anteil der Alpen an der Fläche der Schweiz beträgt 60%, in Slowenien sind es gut 40%. In beiden Ländern prägen die Alpen deren Identität und haben Einfluss auf Kultur und Mentalität. So ähneln wir uns beispielsweise in Bezug auf die grosse Naturverbundenheit, die Traditionspflege, Bescheidenheit, Pragmatismus und die hohe Arbeitsmoral. Als Alpenländer sind die Schweiz und Slowenien gleichermassen mit Naturgefahren wie Lawinen oder Erdrutsche konfrontiert, welche sich durch den Klimawandel weiter verstärkt haben. Als Transitländer sehen sie sich ebenfalls ähnlichen Herausforderungen gegenüber, etwa Verkehrsengpässen bei der Durchquerung der Alpen. Was der Gotthard für die Schweiz ist, das sind die Karawanken für Slowenien für den internationalen Reiseverkehr in den Süden und retour. Beide Länder sind darüber hinaus Vertragsparteien der Alpenkonvention sowie Mitglieder von EUSALP (Makroregionale Strategie für den Alpenraum) und setzen sich für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Bereichen Umweltschutz, Verkehr und nachhaltige Entwicklung im Alpenraum ein.

Warum wird die Emna da la lingua rumantscha gerade in Slowenien und insbesondere im Museum der slowenischen Sprachen und des Buches in Štanjel gefeiert?
Das ist einer glücklichen Fügung zuzuschreiben und geht auf das Jahr 2024 zurück. Bei einem Besuch in Štanjel hat mir der Bürgermeister von der für 2025 geplanten Eröffnung dieses Museums erzählt und davon, dass sich das Museum ausdrücklich als Ort der Sichtbarmachung sprachlicher Vielfalt verstanden wissen will. Slowenisch wird weltweit von 2.5 Millionen Menschen gesprochen, somit zählt sie zu den kleineren Sprachen. Ein Teil der Ausstellungsfläche wird deshalb anderen kleinen oder Minderheitensprachen für temporäre Ausstellungen zur Verfügung gestellt. Damit war die Idee geboren, mit einer Ausstellung zur rätoromanischen Sprache zu beginnen.
Weshalb besteht in Štanjel ein so hohes Bewusstsein für Minderheitensprachen?
Štanjel liegt in der Grenzregion zu Friaul-Julisch-Venetien. Rätoromanisch, Ladinisch und Friaulisch (auch Furlan genannt) sind verwandte romanische Sprachen. Es bestehen somit im Grenzgebiet eine grosse sprachliche Vielfalt und enge historische, kulturelle, geographische und sprachliche Verbindungen zwischen dem Friaul und Slowenien.
Anlässlich der Museumseröffnung im Juni 2025 präsentierte die Schweizer Botschaft die erste temporäre Ausstellung mit dem Titel «Let’s speak Romansch». Begleitend zur Ausstellung wurde im Sommer der Dokumentarfilm «Resuns» von Aline Suter im Hof des Schlosses Štanjel gezeigt und im September ein Panel zu Minderheitensprachen sowie ein Konzert der rätoromanischen Sängerin Martina Linn organisiert. Somit besteht bereits eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit mit den lokalen Organisationen und der Gemeinde. Höhepunkt dieses, der rätoromanischen Sprache gewidmeten Jahres ist natürlich die «Emna rumantscha». Es freut mich sehr, dass Bundesrat Cassis für die sechsten Ausgabe Slowenien gewählt hat.
Enge bilaterale Beziehungen zwischen der Schweiz und Slowenien
Zwischen der Schweiz und Slowenien bestehen ausgezeichnete Beziehungen mit einem starken Fokus auf die Wirtschaft. Seit 2022 ist die Schweiz der wichtigste Handelspartner Sloweniens. 2024 wurde beim Warenverkehr mit einem Volumen von 44 Milliarden Franken (+59,4 %) ein neuer Rekordwert erreicht, im Jahr 2025 erreichte der Warenhandel sogar 52 Milliarden Franken. Unter Ausschluss des Goldhandels ist Slowenien seinerseits der drittgrösste Handelspartner für die Schweiz. Der Grund für die dynamische Entwicklung liegt bei der Schweizer Pharmaindustrie. Novartis gehört zu den grössten ausländischen Investoren und Sandoz/Lek setzt mit bedeutsamen Investitionsprojekten ganz auf den Standort Slowenien. Bei den ausländischen Investitionen steht die Schweiz denn auch an dritter Stelle.
Slowenien ist ausserdem eines der dreizehn Partnerländer des zweiten Schweizer Beitrags an ausgewählte EU-Mitgliedstaaten. In diesem Rahmen unterstützt die Schweiz im Umfang von 16 Millionen Franken ein Programm im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Das Programm trägt dazu dabei, den Anteil der erneuerbaren Energien im Energiemix in Slowenien auszubauen und den Bereich zu modernisieren. Konkret geht es um die Digitalisierung der Energieplanung und das Testen von innovativen Ansätzen. Das Programm befindet sich in der Umsetzung und macht gute Fortschritte. Als Beispiel ist das erste Pilotprojekt für eine Agrar-Photovoltaikanlage zu nennen, welches seit Juli 2025 in Betrieb ist und die Doppelnutzung von landwirtschaftlicher Produktion und Stromerzeugung testet. Das schweizerisch-slowenische Kooperationsprogramm stärkt die bilateralen Beziehungen, indem es eine engere Zusammenarbeit fördert und Gelegenheit bietet, gegenseitig Fachwissen und Know-how weiterzugeben und sich auszutauschen.
Kontakt
Generalsekretariat GS-EDA
Bundeshaus West
3003 Bern