Schweizer oder belgische Schokolade? Eine andere Perspektive auf eine jahrhundertealte Beziehung
Die Schweiz und Belgien haben mehr gemeinsam als ein vom Standardfranzösischen abweichendes Wort für siebzig (septante): ein föderalistisches System, zwei gemeinsame Amtssprachen, eine vergleichbare Fläche und Einwohnerzahl. Bundespräsident Ignazio Cassis reist morgen zu einem Staatsbesuch nach Brüssel. Höchste Zeit, einige (kuriose) Gemeinsamkeiten zu beleuchten, die die vielfältigen und intensiven Beziehungen bereichern.

Schweizer Physiker als heimlicher Star eines belgischen Comics
Der Schweizer Physiker Auguste Piccard ist weltberühmt für seine Entdeckungen, die die Erforschung unbekannter Welten Tausende Meter über und unter dem Meeresspiegel ermöglichten.
Mit seinem Bathyscaph entwickelte er eine druckfeste Tauchkapsel, mit der er nach ersten Tests im Jahr 1948 bis an den Meeresgrund tauchte. Mit der Trieste, seinem dritten Prototyp, tauchte er 1953 vor der italienischen Küste 3150 Meter tief und stellte damit einen neuen Rekord auf.

Dies war aber nicht seine erste Entdeckungsreise. Schon 1922 wagte er als frisch ernannter Physikprofessor der Freien Universität Brüssel einen ersten Flug in die Stratosphäre – mit einem Wasserstoffballon. Nach ersten erfolgreichen Tests konnte er seine Experimente mit der Unterstützung des vom belgischen König Albert neu eingerichteten Nationalfonds für wissenschaftliche Forschung weiterführen. So stieg er am 18. August 1932 in Begleitung des belgischen Physikers Max Cosyns auf über 16’000 Höhe auf, ein neuer Rekord.
Für seine wegweisende Forschung wurde Auguste Piccard von König Albert und Königin Elisabeth mit dem Verdienstorden «Offizier der Ehrenlegion» und dem Leopold-Orden ausgezeichnet. Aber noch eine weitere Ehre wurde ihm aus Belgien zuteil: Comicautor Hergé liess sich für seine Figur von Professor Bienlein in den weltberühmten Abenteuergeschichten von Tim und Struppi von Piccard inspirieren. Über seine Version des unkonventionellen Wissenschaftlers sagte Hergé: «Ich habe aus Professor Bienlein einen Mini-Piccard gemacht, damit er in die Panels passte.».
Gibt es ein besseres Beispiel für die auch heute noch fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Belgien?
Von Comics zum Schutz der Mehrsprachigkeit
Professor Bienlein ist nicht das einzige Bindeglied zwischen der Schweiz und Belgien im Comics-Bereich. Belgien ist als französischsprachige Hauptstadt der sogenannten neunten Kunst bekannt. Dank Hergés Erfolg mit Tim und Struppi Ende der 1920er-Jahre wurde das Genre auch in der Schweiz populär. Wussten Sie jedoch, dass ein Westschweizer Autor zu den Urvätern des modernen Comics gehört?
Bereits in den späten 1820er-Jahren zeichnete Rodolphe Töpffer seine skurrilen Bildergeschichten, in denen er die Marotten seiner Zeitgenossen treffsicher karikierte. Er war nicht der erste, der seine Texte mit Bildern illustrierte. Neu war jedoch die Art und Weise, wie er die Zeichnungen kombinierte und die Handlungssequenzen unterteilte und aneinanderreihte. Damit ebnete er den Weg für die modernen Comics. «Die Zeichnungen hätten ohne den Text nur eine vage Bedeutung; die Texte ohne die Zeichnungen bedeuten nichts», meinte Töpffer zu seinem Werk.
Auch heute noch pflegen die Schweiz und Belgien auch auf diesem Gebiet enge Beziehungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: 2014 wurde im Centre belge de la bande dessinée, einem der wichtigen Zentren der Szene, eine Ausstellung über Schweizer Comics gezeigt. Der Anlass wurde unter anderem von der Schweizer Botschaft in Belgien unterstützt, was von den engen bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zeugt.
Was ziehen Sie vor – belgische oder Schweizer Schokolade?
Das ist sehr wahrscheinlich Geschmackssache.
Eines ist jedoch sicher: Die Schweiz und Belgien gehören zu den weltweit grössten Schokoladeproduzenten und -exporteuren. Die Schweizerinnen und Schweizer essen zudem am meisten Schokolade der Welt. Im Jahr 2021 waren es pro Kopf durchschnittlich 11,3kg. Im gleichen Jahr wurde übrigens 7,1% der in der Schweiz konsumierten Schokolade aus Belgien importiert, und 3,4% der gesamten Schokoladeexporte der Schweiz gingen nach Belgien.
Der ausgezeichnete internationale Ruf der Chocolatiers wird durch die Zahlen und durch die Tradition gestützt, auf der er teilweise beruht. Der Legende zufolge soll die Schokolade nämlich über Belgien in die Schweiz gelangt sein. Ende des 17. Jahrhunderts konnten sich in Europa nur adlige und reiche Familien das Luxusgetränk Kakao leisten. 1679 reiste der Zürcher Bürgermeister Heinrich Escher nach Brüssel. Auf den Terrassen der belgischen Hauptstadt kostete er das erste Mal eine heisse Schokolade. Er war begeistert und beschloss, seine Entdeckung in die Schweiz zu bringen. Danach dauerte es nicht lange, bis François-Louis Cailler 1819 in Corsier-sur-Vevey die erste Schokoladenmanufaktur eröffnete.
Heute unterhalten die Schweiz und Belgien rege Wirtschaftsbeziehungen. Einer der wichtigsten Sektoren, in denen Schweizer Unternehmen in Belgien tätig sind, ist die Lebensmittelbranche, darunter die Schokoladenproduktion. Der Hafen von Antwerpen, der zweitgrösste in Europa nach Rotterdam, ist für die Handelsbeziehungen und die Landesversorgung der Schweiz, aber auch für den Kakaoimport von zentraler Bedeutung.
Ein weiteres Beispiel für die engen bilateralen Beziehungen: Bundespräsident Ignazio Cassis reist nach Belgien
Bundespräsident Ignazio Cassis und seine Frau Paola Rodoni Cassis werden am 24. November 2022 von König Philippe und Königin Mathilde zu einem offiziellen Besuch empfangen.
Auf dem Programm des zweitägigen Besuchs steht unter anderem ein Gespräch mit dem belgischen Premierminister Alexander De Croo über bilaterale Themen sowie europäische und multilaterale Fragen. Anschliessend wird der Bundespräsident Flandern und Wallonien besuchen.
An einer Abendveranstaltung mit Künstlerinnen und Künstlern, die über enge Verbindungen zur Schweiz und zu Belgien verfügen, wird der kulturelle Austausch im Zentrum stehen.
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