Berufsbildung in Tunesien – Beschäftigung als Ziel


In Tunesien können Jugendliche auf Stellensuche dank einem DEZA-Programm Fach- und Sozialkompetenzen erwerben, die in der Berufswelt gefragt sind.
In Tunesien können Jugendliche auf Stellensuche dank einem DEZA-Programm Fach- und Sozialkompetenzen erwerben, die in der Berufswelt gefragt sind. © Swisscontact

Ein DEZA-Programm erhöht die Arbeitsmarktfähigkeit von jungen Studienabgängerinnen und -abgängern in Tunesien. Es sieht Berufsbildungsangebote vor, welche praktische Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln, die in der Arbeitswelt erforderlich sind.

Land/Region Thema Periode Budget
Tunesien
Berufsbildung
Beschäftigung & Wirtschaftsentwicklung
Berufsbildung
Schaffung von Arbeitsplätzen
01.01.2016 - 31.12.2020
CHF 9'603'475

Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Tunesien nach wie vor ein grosses Problem. In den am stärksten benachteiligten Provinzen und bei den Frauen und jungen Hochschulabsolventinnen und -absolventen liegt die Arbeitslosenquote bei über 30%.

Einerseits stellen gewisse Wirtschaftssektoren nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung. Andererseits ist das nationale Bildungssystem nicht in der Lage, genügend qualifizierte Fachkräfte für den Privatsektor bereitzustellen. Die Folge sind 150’000 offene Stellen, für die keine geeigneten Bewerberinnen oder Bewerber gefunden werden.

Senkung der Arbeitslosigkeit

Das DEZA-Programm «Berufsbildung in Tunesien», das von Swisscontact durchgeführt wird, steht unter der Federführung des tunesischen Ministeriums für Berufsbildung und Beschäftigung (MFPE). Es ergänzt die laufenden Initiativen der Schweiz zur Schaffung von Arbeitsplätzen in Tunesien und verfolgt drei Hauptziele: 

  • Senkung der Arbeitslosenquote durch die Verbesserung der Arbeitsmarktfähigkeit von Hochschulabgängerinnen und -abgängern
  • Verbesserung des Images der Berufsbildung in Tunesien
  • Anpassung der Ausbildungsprogramme an die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts

Qualität des Unterrichts und Spezialisierungskurse

Den jungen Tunesierinnen und Tunesiern stehen mehrere Weiterbildungskurse und Angebote zur beruflichen Eingliederung offen. Sie haben die Möglichkeit, in den bestehenden Berufsbildungszentren an Fachausbildungen teilzunehmen, die sich an der Praxis orientieren. Ziel des Programms ist hier die Verbesserung der Qualität des Unterrichts. Es nahmen bereits über neunzig Betriebsausbilder an Kursen über innovative Unterrichtsmethoden teil.

Bis 2017 besuchten 1586 Personen (davon 60% Frauen) aus benachteiligten Regionen spezifische Kurse, um Aktivitäten mit hoher Wertschöpfung lancieren oder ausbauen zu können. Das Kursangebot entspricht einer konkreten Nachfrage und umfasst unter anderem Spezialgebiete wie Wachtelzucht, Rebschnitt oder Projektmanagement im Landwirtschaftsbereich. Verschiedene Fachausbildungen wurden zudem in Zusammenarbeit mit den nationalen Bildungsinstanzen zertifiziert, um deren Integration ins nationale Berufsbildungssystem zu garantieren.

Von der Theorie zur Praxis

2017 wurden 704 Hochschulabsolventinnen und -absolventen (davon 62% Frauen) von einer der fünf Praxisfirmen, die im Rahmen des Programms gegründet wurden, angestellt. Diese Einrichtungen funktionieren wie Unternehmen, obwohl sie nur mit virtuellen Produkten und Dienstleistungen innerhalb eines globalen Netzwerks handeln. Die dreimonatige Ausbildung erlaubt es den jungen Menschen, in einem Unternehmen zu arbeiten, Berufserfahrungen zu sammeln und die für die Berufswelt erforderlichen Sozialkompetenzen zu erwerben.

Die Tatsache, dass 85% der Angestellten der Praxisfirmen eine Stelle finden, zeigt den Mehrwert dieser temporären Ausbildungsplätze, die die jungen Mitarbeitenden auch mental reifen lassen. «Dank meiner Tätigkeit in einer Praxisfirma habe ich gewisse Dinge zurückgewonnen, die ich verloren hatte, wie beispielsweise mein Selbstvertrauen und meinen beruflichen Ehrgeiz», sagt Abir Allouch, die bei einer Kommunikationsfirma eine Stelle als Grafikerin gefunden hat.

Tree – eine Praxisfirma

Tree ist eine Praxisfirma mit Sitz in Tunis. Ihr Ziel ist es, arbeitslosen Hochschulabgängerinnen und -abgängern sowie erstmals Arbeitssuchenden in den Bereichen Handel, Marketing und Verwaltung Schulungen anzubieten und Stellen zu vermitteln. Das Unternehmen verfügt über 18 Ausbildungsplätze. Die Teilnehmenden werden von zwei erfahrenen Berufsausbildern aus der Privatwirtschaft begleitet. Seit ihrer Gründung im Mai 2016 hat Tree 115 junge Menschen aufgenommen.

Schweizer Know-how

Die Schweiz verfügt nicht nur bei der dualen Berufsbildung, sondern auch bei den virtuellen Unternehmen über langjährige Erfahrungen, die sie mit anderen teilen kann. Helvartis, eine Schweizer Non-Profit-Organisation, hat seit 1950 über sechzig Praxisfirmen begleitet. In Zusammenarbeit mit der DEZA, Swisscontact, dem tunesischen Ministerium für Berufsbildung und Beschäftigung und dem Dachverband der tunesischen Staatsbetriebe (CONECT) half Helvartis beim Aufbau und bei der Zertifizierung von fünf Praxisfirmen in Tunesien mit.

Ein langfristiges Programm

Das DEZA-Programm wird bis 2020 fortgeführt und auf verschiedene Regionen des Landes ausgedehnt. Zielgruppen sind arbeitslose Jugendliche mit Hochschulabschluss oder einer abgeschlossenen Berufsbildung aus dem Grossraum Tunis, aus benachteiligten Provinzen (Kasserine, Sidi Bouzid, Siliana, Médenine und Tataouine) sowie aus Küstengebieten, die von der Krise im Tourismussektor betroffen sind.