Dipartimento federale degli affari esteri DFAE

«Die Region bereitet sich auf schwierige Jahre vor»

Die Wirbelstürme Eta und Iota haben in Zentralamerika grosse Schäden angerichtet und Tote und Verletzte gefordert. Die Schweiz hat umgehend ein Team von Spezialistinnen und Spezialisten für Katastrophenbewältigung nach Guatemala entsandt und 2 Mio. CHF für die Bedürfnisse der Bevölkerung in Nicaragua, Honduras und Guatemala bereitgestellt. Flisch Jörimann koordiniert im Schweizer Kooperationsbüro in Managua die Hilfsleistungen.

24.11.2020

Menschen in Guatemala retten ihr Hab und Gut. Die Wirbelstürme Iota und Eta haben die Lebensgrundlagen vieler Menschen in der betroffenen Region zerstört. © Keystone

Herr Jörimann, wofür wird in Nicaragua, Honduras und Guatemala am dringendsten Hilfe benötigt?

Innerhalb von zehn Tagen wurde die Region von zwei extrem starken Hurrikanen mit einer unglaublichen Zerstörungskraft heimgesucht. Über fünf Millionen Menschen sind betroffen, Hunderttausende haben ihr gesamtes Hab und Gut, ihre Lebensgrundlage verloren. Man muss sich das bildlich vorstellen: Die von Eta und Iota betroffene Bevölkerung war jeweils während bis zu 20 Stunden den Winden, dem Starkregen, dem Lärm und der Kälte ausgesetzt. 

Die von Eta und Iota betroffene Bevölkerung war jeweils während bis zu 20 Stunden den Winden, dem Starkregen, dem Lärm und der Kälte ausgesetzt.

Die Menschen warteten während Tagen ohne Zugang zu Wasser und Nahrung auf Rettung; die Stürme haben auch Traumata ausgelöst. Bei den anderen unmittelbaren Grundbedürfnissen gibt es wenige Überraschungen: sauberes Wasser, Nahrungsmittel, Notbehausungen und die Deckung medizinischer Grundbedürfnisse sind in diesen Tagen und wohl auch Wochen prioritär. Bereits jetzt gilt es aber, die mittel- und langfristigen Bedürfnisse wie Unterkünfte, Instandstellung zerstörter Infrastruktur und Wiederaufbau im Hinterkopf zu behalten. Die Region bereitet sich auf schwierige Jahre vor. 

© DFAE

Die Humanitäre Hilfe des Bundes hat umgehend ein Team von Spezialistinnen und Spezialisten nach Guatemala entsandt. Was ist deren Aufgabe?

Zur Vorgeschichte muss man sagen: Guatemala hat schon früh um internationale Hilfe gebeten und die Bedürfnisse im Land – z.B. im Bereich Nahrungsunsicherheit – waren schon vor den Stürmen bedeutend. Zudem scheint sich die internationale Hilfe nicht auf Guatemala zu konzentrieren, hier sehen wir einen Mehrwert für eine Schweizer Aktion. 

Die internationale Hilfe scheint sich nicht auf Guatemala zu konzentrieren, hier sehen wir einen Mehrwert für eine Schweizer Aktion.

Der Auftrag des Teams besteht aus den drei Eckpfeilern Koordination, Bedürfnisabklärung / Assessment sowie dem Einleiten von raschen Soforthilfeaktionen. Es geht darum, thematische und regionale Lücken zu identifizieren und bedarfsgerechte Hilfe – in Koordination mit den Behörden und humanitären Akteuren – den vulnerabelsten Gruppen zuzuführen. 

Wie ist es möglich, so rasch ein Team in die betroffenen Regionen zu schicken?

Seit über 15 Jahren unterhält die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA/Humanitäre Hilfe in der Grossregion Lateinamerika ein Netzwerk an Soforthilfe-Spezialisten, welche bei Bedarf innerhalb der Region aktiviert werden können. Kurze Reisezeiten und die Kontextverbundenheit dieser Personen sind in solchen Situationen ein grosser Mehrwert; wir konnten einmal mehr auf die Solidarität der DEZA-Büros sowie Botschaften der Grossregion zählen, welche ihre Angestellten für diese Aktion zur Verfügung gestellt haben. Zusätzlich wird das Team mit Mitgliedern lokaler NGOs angereichert. Sie sind ebenfalls Teil dieses Netzwerks und mit ihren lokalen Kenntnissen ein wichtiger Mehrwert. 

Sie koordinieren die Hilfseinsätze. Was sind hier Ihre wichtigsten Aufgaben?

Ich bin im regionalen Kooperationsbüro (Kobü) Managua stationiert und stehe im direkten Austausch mit dem Kobü Honduras sowie den Botschaften in Guatemala und Costa Rica. Der Umstand, dass wir es mit einer regionalen Krise zu tun haben, erschwert natürlich die Koordination der verschiedenen Aktionslinien in den drei Ländern Guatemala, Honduras und Nicaragua. Meine Aufgabe hier besteht einerseits darin, ein konsolidiertes Bild – mit Informationen von Partnern und lokalen Quellen - aus der betroffenen Region als Entscheidgrundlage nach Bern zu liefern und andererseits die beschlossenen Aktionen hier aufzugleisen und in Zusammenarbeit mit den Schweizer Repräsentationen in der Region umzusetzen. Damit verbunden sind auch der Versand von regionalen Teams sowie – spezifisch für Nicaragua – die Koordination mit den Behörden vor Ort bezüglich Hilfsgüterbeschaffung und –transport. Hinzu kommt ausserdem die Umsetzung eines bilateralen Soforthilfeprojekts mit dem Roten Kreuz. Zentral dafür ist das Engagement aller Schweizer Vertretungen in der Region, inklusive der Botschaft in Costa Rica, welche von der Krise weniger stark betroffen ist. 

Die Schweiz trägt dazu bei, dass ca. 1,5 Millionen Menschen in den Bereichen Nahrungssicherheit, Zugang zu sauberem Wasser und Notbehausungen sowie Gesundheit rasch versorgt werden können.

Das EDA hat für die Unterstützung zwei Millionen CHF bereitgestellt. Eine Million ist für die Nothilfemassnahmen in Nicaragua und Guatemala bestimmt. Mit einer Million reagiert die Humanitäre Hilfe auf einen UNO-Hilfsappell für Honduras. Wofür wird das Geld konkret eingesetzt?

Die Beiträge an die Hilfsappelle der IFRC und der UNO zielen darauf ab, die dringendsten Grundbedürfnisse der am stärksten betroffenen Länder zu decken. Die Schweiz trägt dazu bei, dass ca. 1,5 Millionen Menschen in den Bereichen Nahrungssicherheit, Zugang zu sauberem Wasser und Notbehausungen sowie Gesundheit rasch versorgt werden können. Im Fall von Nicaragua führt ein bilaterales Projekt der nationalen Rotkreuzorganisation dazu, dass 2000 Familien in zwei der isoliertesten und am stärksten betroffenen Regionen des Landes bereits jetzt Zugang zu sauberem Wasser und Grundnahrungsmitteln haben. Die verschiedenen Begebenheiten in den betroffenen Ländern erlauben uns, unterschiedliche Modalitäten für die Erreichung unseres Ziels zu definieren, als da ist: der betroffenen Bevölkerung rasche, effiziente und bedürfnisorientierte Hilfe zukommen zu lassen, um Leid zu lindern.

Wie lange rechnen Sie mit Unterstützungsmassnahmen der Humanitären Hilfe des Bundes? Und wird die Schweiz anschliessend den Wiederaufbau unterstützen?

Über die oben genannten Beiträge wird die DEZA Aktionen unterstützen, welche über mindestens 18 Monate umgesetzt werden. Bereits in dieser Nothilfephase haben wir in unseren Aktionen – zum Beispiel im Rahmen eines regionalen Projektes mit dem Fokus auf eine belastbare Infrastruktur – mittel-und langfristige Ziele eingebaut; es ist vorgesehen, mit Schweizer Expertise einen Beitrag zum regionalen Rekonstruktionsplan zu leisten. 

Unsere jahrelange Zusammenarbeit mit den Behörden aller zentralamerikanischen Länder verleiht uns eine gute Hebelwirkung.

Wie es häufig der Fall ist, wird der Grundstein für eine mittel- und langfristige Aktivität bereits in der Soforthilfephase gelegt. Unsere jahrelange Zusammenarbeit mit den Behörden aller zentralamerikanischen Länder verleiht uns hier eine gute Hebelwirkung. Zu diesem Zeitpunkt ist das Ausmass der Auswirkungen von Eta und Iota in einer von COVID-19, von wirtschaftlichen und sozio-politischen Krisen betroffenen Region noch nicht absehbar; wir werden aber mit Gewissheit nach über 40 Jahren Präsenz in Zentralamerika das Bild der solidarischen Schweiz über unsere Aktionen weiterpflegen.

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