«Hunger und Überfluss: zwei Seiten derselben Medaille»

23.03.2018

Bienne, 23.03.2018 - Allocuzione del Consigliere federale Ignazio Cassis in occasione della Conferenza annuale dell’Aiuto umanitario e del Corpo svizzero di aiuto umanitario (CSA) a Bienne - Fa stato la versione orale

Oratore: Cassis Ignazio; Capo del Dipartimento, Ignazio Cassis

Signor Presidente del Consiglio nazionale
Signora Vicepresidente, Signori membri del Parlamento
Sehr geehrte Damen und Herren, loro eccellenze
Cari amici,

Absurder Widerspruch: massiver Überfluss an Nahrung vs. Hunger
Jamais dans l’histoire de la planète il n,y a eu autant de nourriture, bien assez pour nourrir tout le monde. Et pourtant, la famine n’est pas éradiquée.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit standen so viele Nahrungsmittel zur Verfügung um die Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem ist der Hunger nicht ausgerottet. 

Wir produzieren weltweit rund 4600 Kalorien pro Tag und Kopf. Das ist rund doppelt so viel Nahrung, wie nötig.  Und doch leidet heute jeder neunte Mensch an Hunger. Das ist eigentlich absurd.

815 Millionen Menschen, also ca. 100 Mal die Schweizer Bevölkerung, sind von Hunger und Mangelernährung betroffen. Sie gelten am heutigen Tag als das grösste Gesundheitsrisiko auf der Welt. Mangelernährung ist die häufigste Todesursache für Tuberkulose, Malaria und HIV/Aids und für andere Tropenkrankheiten.

Es sterben also eine Unzahl von Menschen an einem Problem, das keine Krankheit und eigentlich lösbar ist. Und das in einer Welt, die durch Überfluss, auch Überfluss an Nahrung, gekennzeichnet ist.
Als Arzt bin ich konsterniert, als Aussenminister besorgt.

Bekämpfung von Hunger – ein Engagement im Interesse der Schweiz
Die Ursachen für Hunger auf der Welt sind vielfältig. Hunger ist nicht gleich Hunger.
- Kolumbien ist ein höchst fruchtbares Land, doch haben die Menschen keinen Zugang zu bebaubarem Boden.
- In Somalia gefährden Dürren die Nahrungsmittelproduktion.
- Im Jemen können sich die Menschen das Essen auf dem Markt schlicht und einfach nicht mehr leisten.
- In Syrien ist die ganze Wirtschaft inkl. Landwirtschaft eingebrochen und der bewaffnete Konflikt behindert Hilfslieferungen.

Hunger löst eine Abwärtsspirale aus. Hunger ist Treiber von Konflikt und Instabilität. Menschen sind NIE so aggressiv, wie wenn sie Hunger haben! Eine instabile Welt, meine Damen und Herren, hat Auswirklungen – auch auf unser Land.

Wir als Schweiz haben ein starkes Interesse an einer stabilen Welt. Und ein starkes Interesse an einer prosperierenden Welt.

Hunger ist nicht gleich Hunger – die umfassende und angepasste Antwort der Schweiz
Hunger hat also unterschiedliche Ursachen. Und deshalb braucht es in der Hungerbekämpfung, etwa im Jemen, andere Antworten als in Kolumbien. Die Schweiz macht diese Unterscheidung. Sie berücksichtigt die Ursachen und setzt genau dort an.

Aus humanitärer Perspektive betrifft diese Antwort zu allererst die Akutphase: Leben retten. Menschen mit Nahrung versorgen. Genauer: Prioritäten setzen! Sich zuerst um diejenigen Menschen kümmern, die diese Unterstützung am dringendsten benötigen. Dies ist das humanitäre Prinzip der Menschlichkeit.

Die Formel dieser Soforthilfe ist einfach: So pragmatisch wie möglich: so viele Leben wie möglich retten. Lebensrettende Massnahmen erfordern allerdings von Beginn an Überlegungen, welche über Lebensrettung hinausgehen. Nur so stellen wir sicher, dass wir mit humanitären Aktionen keinen ungewollten Schaden anrichten. Beim Kampf gegen den Hunger müssen wir uns zum Beispiel die Frage stellen: Welche Lebensmittel gibt es noch auf den lokalen Märkten? An manchen Orten ist die Verteilung von importierten Hilfsgütern tatsächlich die richtige Antwort. An anderen Orten sind aber Lebensmittel noch immer verfügbar. Da macht die Verteilung von Bargeld oder Gutscheinen weitaus mehr Sinn. Die Menschen können und sollen sich ihre Lebensmittel vor Ort kaufen.

Dabei geht es darum, dass wir funktionierende Märkte nicht zerstören, sondern Märkte stärken. Damit stärken wir auch die Selbsthilfe der Bevölkerung.

Die Schweiz ist gerade in diesem innovativen Ansatz führend. Sogenannte CASH-Experten des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe unterstützen Partner wie das World Food Programme beim Aufbau dieses Ansatzes. Alleine letztes Jahr waren 23 Angehörige dieses Korps beim World Food Programme tätig.

Der Mehrwert der Schweiz in drei Qualitätsmerkmalen
Sehr verehrte Damen und Herren, es gibt auch in der humanitären Hilfe keine Patentlösungen. Aber es gibt klare Qualitätsmerkmale. Die Schweiz zeichnet sich durch drei solche Qualitätsmerkmale aus.

Les voici:
Première qualité: Nous ne sommes pas seulement un donateur. Nous apportons aussi notre propre assistance. Pour cela, nous disposons d’un atout typiquement suisse, ce qui est un système de milice, unique en son genre : le Corps suisse d’aide humanitaire (le Corps). Le Corps, c’est de l’expertise suisse dans un système de milice.  C’est notre bras opérationnel de l’Aide humanitaire suisse. Il nous permet de répondre de façon rapide et ciblée à une crise. C’est ce qui fait la distinction de l’Aide humanitaire suisse. Cette expertise, nous la mettons aussi à la disposition de nos partenaires. Nos spécialistes en eau ou en CASH sont particulièrement importants dans la lutte contre la faim, par exemple.

Vous venez de voir le visage du Corps. J’aimerais aussi remercier tous les membres du Corps pour leur travail. Vous vous engagez pour la cause humanitaire au nom de la Suisse. Vous représentez une Suisse qui agit et qui ne reste pas les bras croisés ; en vous engageant, la Suisse prend ses responsabilités en tant que membre de la communauté internationale. Vous en êtes fiers, nous en sommes fiers.

Deuxième qualité : la tradition humanitaire de la Suisse. Notre pays a une histoire humanitaire unique sur laquelle nous pouvons nous appuyer. Nous sommes la patrie des Conventions de Genève et du Comité international de la Croix-Rouge. Ils bénéficient d’un rayonnement international et sont porteurs d’espoir.

Le CICR est un partenaire essentiel de l’aide humanitaire suisse. Il apporte une assistance et de l’espoir aux familles séparées. Les Conventions de Genève rappellent que même durant les moments les plus sombres de l’humanité, dans les conflits armés, il y a des règles qui s’appliquent : les règles du droit international humanitaire. Comme vous le savez, nous devons sans cesse rappeler les parties en conflit aux respects de ces règles fondamentales. La Suisse collabore en ce sens avec le CICR ainsi que le Mouvement de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge. Protéger ces acquis fait aussi partie de la tradition humanitaire. 

Troisième qualité: Je l’appellerai partenariat helvétique : collaborazione helvetica. L’Aide humanitaire ne peut et ne doit pas faire tout seul.

Au final, si on veut une stabilité durable dans le monde, on a toujours besoin de solutions politiques et non humanitaires. En comparaison avec d’autres pays, nous sommes bien placés pour trouver des solutions intégrales. Les acteurs clés de la coopération internationale de la Suisse sont réunis sous le même toit au sein de notre Département !

Permettez-moi une analogie tirée de mon expérience de médecin : après une intervention, certains patients peuvent quitter rapidement l’hôpital. D’autres doivent recevoir un traitement additionnel. Leur convalescence dépend d’un système de santé performant. Chacune des étapes de traitement est reliée les unes aux autres.

Il a en va de même pour la coopération internationale. Nous disposons d’une structure adaptée pour trouver des réponses efficaces et durables aux problèmes humanitaires. Nous avons aussi les bons partenaires. Il me tient à cœur de travailler ensemble de façon pragmatique : merci donc à tous les acteurs et à nos partenaires.

Widerspruch: Gleichzeitigkeit von Übergewicht und Hunger
Sehr verehrte Damen und Herren, wir leben in einer Welt, die sich rasant verändert. Bewaffnete Konflikte finden heute in Ländern statt, in denen wir bis vor Kurzem noch Ferien gemacht haben. Humanitäre Not kann alle Erdteile treffen. Sie haben es gesehen, in Kolumbien, in einem Land, das den OECD-Beitritt beantragt hat, sind die Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das sind grosse Widersprüche.

Diese Widersprüchlichkeit stelle ich auch im Bereich Hunger fest. Als Arzt war ich natürlich auch mit Fragen der Ernährung konfrontiert. Ernährung, Fehlernährung und Übergewicht ist auch bei uns in der Schweiz ein zentrales Thema. Und Fehlernährung ist auch bei uns die Ursache vieler Folgekrankheiten. Nun ist das Ernährungsproblem Nummer Eins in der Schweiz, in der wohlhabenderen Welt allgemein, nicht Hunger, sondern Übergewicht. Die WHO hat das Problem Übergewicht als schlichtweg die Epidemie des 21. Jahrhunderts bezeichnet.

Allerdings wäre es eine Illusion zu glauben, Übergewicht sei ein Phänomen der wohlhabenden, und Hunger ein Phänomen der ärmeren Länder. Übergewicht trifft bereits heute auch Entwicklungsländer und wird gerade diese in Zukunft noch stärker beschäftigen, beispielsweise aufgrund von Mono-Ernährung und fast food. Diejenigen Länder also, die heute den Hunger zu bekämpfen suchen, wird vermehrt auch Übergewicht belasten. Auch dies ist ein grosser Widerspruch. Und auch mit diesem Widerspruch wird die internationale Zusammenarbeit umgehen müssen.

Auch darauf wollen wir angepasste Lösungen finden. Ein Beispiel: Diabetes ist eine Krankheit, welche besonders bei Übergewicht eintritt. In Mexiko ist sie Volkskrankheit Nummer eins. Die Schweiz unterstützt mit Expertise und einer Anschubfinanzierung zwei Diabeteskliniken, welche die Behandlung zu 40% billiger anbieten. Damit können sich viele ärmere Menschen erstmals eine Behandlung leisten. Die Schweiz finanziert dieses Projekt aber nicht vollständig. Die Kliniken suchten private Geldgeber und konnten so das Kapital fünfeinhalb Mal erhöhen. Die privaten Investoren können mit einer normalen Rendite rechnen.
Es ist ein schönes Beispiel für die innovativen Leistungen: Die Schweiz bringt nicht nur Geld, sondern auch Expertise, gibt eine massgeschneiderte Antwort auf das vorliegende Problem und arbeitet eng mit Partnern zusammen, gerade auch aus dem Privatsektor.

Lösbares Problem und Aufruf
Die Humanitäre Hilfe wird das enorme humanitäre Problem des Hungers alleine nicht lösen. Eine dauerhafte Lösung geht über den humanitären Tellerrand hinaus. Sie bedingt eine neue Klimapolitik. Sie bedingt Anpassungen in der Landwirtschaftspolitik. Und sie bedingt, dass wir seriös über unser Konsumverhalten nachdenken. Dabei geht es nicht einzig um Ernährung, sondern überhaupt über unseren Umgang mit den Ressourcen: Wir leben über allen Verhältnissen – mehr als dreimal die Erde wären erforderlich, wenn alle wie die Schweizer Bevölkerung leben würden.

Eine dauerhafte Lösung bedingt letzten Endes vor allem Frieden. Das WFP betont zurecht: “We can end hunger, only if we end conflict”. Deshalb kann ich den umfassenden Ansatz der Schweizer Politik, gemeinsam und innovativ die Probleme dieser Erde anzugehen, nicht stark genug betonen.

Sehr verehrte Damen und Herren,

Das Phänomen Hunger ist insbesondere in unserer Welt des Überflusses nicht tolerierbar. Es ist das grösste lösbare Problem; es ist der grösste Widerspruch unserer Zeit. Der Absurdität dieses Widerspruchs ein Ende zu setzen, ist aber keine Utopie. Es ist eine Aufgabe –  und zwar eine lösbare Aufgabe.
Die Schweiz bleibt engagagiert.

In der Syrienkrise haben wir z.B.  rund 315 Mio. Franken eingesetzt, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Wir werden unser Engagement weiterführen und setzen 2018 weitere 61 Mio. Franken dafür ein.
An dieser Stelle möchte ich im Namen der Schweiz zu einer raschen und wirksamen Einhaltung der Waffenruhe aufrufen, welche der UNO-Sicherheitsrat mit Resolution 2401 fordert.

Im Norden Syriens ist derzeit eine der grössten Flüchtlingswellen seit Beginn des Syrienkonflikts im Gang. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht vor zwei Offensiven: vor der türkischen Intervention gegen die kurdische Enklave Afrin und vor einem Vorstoss der syrischen Regierungskräfte in der Provinz Idlib.
Auch die humanitäre Lage in Ost-Ghouta ist katastrophal. Es fehlt an Nahrung, Trinkwasser, Strom und medizinischen Gütern. Seit Beginn der Offensive Mitte Februar wurden Berichten zufolge in diesem Gebiet über 1600 Zivilisten getötet.

Es ist zwingend notwendig, dass alle Kampfhandlungen eingestellt werden und humanitäre Organisationen Zugang zu allen Gebieten erhalten, in welchen die Menschen in Not sind. Es ist höchste Zeit, dass in Syrien das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte geachtet werden und ein nachhaltiger Friedensprozess in Gang gesetzt wird. Auch hier bietet die Schweiz ihre guten Dienste.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement für eine menschlichere Welt und danke Ihnen für Ihren unermüdlichen, weltweiten Einsatz.


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