100 Jahre Lia Rumantscha: 5 Idiome zusammengeschmiedet zu einer Sprache

02.08.2019

Zuoz, 02.08.2019 - Rede von Bundesrat Ignazio Cassis - Es gilt das gesprochene Wort

Rednerin/Redner: Departementsvorsteher, Ignazio Cassis; Cassis Ignazio

Charas Rumantschas, chars Rumantschs
Signor Presidente del Consiglio di Stato grigionese, caro Jon Domenic (Parolini)
Madame la directrice de l’office fédéral de la culture, chère Isabelle (Chassot),
Sehr geehrter Herr Präsident der Lia Rumantscha, lieber Johannes (Flury)
Onorevole signor Sindaco di Zuoz, Andrea Gilli
Geschätzte Damen und Herren
Signore e signori

1. Einführung (Bedanken in den 5 Idiomen)

Grazcha pel invid
Grazia pel invit
Graztga pel anvid
Angraztg pel enveid
Engraziel pel invit
So lange habe ich noch nie gebraucht um mich für eine Einladung zu bedanken!
Um meine Neutralität zu beweisen, spreche ich nun aber lieber Rumantsch Grischun.

2. 100 Jahr Jubiläum

Il milli novtschient deschnov (1919) è stà in onn d’atmosfera da nova partenza:
 
- Partenza suenter la prima guerra mundiala
- Partenza suenter la fin da la grippa spagnola

Il milli novtschient deschnov è capità anc insatge fitg impurtant pella Svizra:


Il dretg d’elecziun da proporz è vegni introduci. Per mia partida n’è quai betg stà in bun onn. Nus avain pers la mesadad da nos mandats!
 
Nein, im Ernst.

Das wichtige Ereignis, dass wir hier und heute feiern ist natürlich die Gründung der Lia Rumantscha. Ein Jahrhundert Engagement für die Erhaltung und Förderung unserer vierten Landessprache! Das muss gefeiert werden!

Im Namen des Bundesrates gratuliere ich Ihnen von Herzen zu diesem schönen, runden Geburtstag. 
Als ich mir das Programm angeschaut habe, habe ich mir gesagt: Diese Rätoromanen wissen wie man feiert - 18 Tage lang!

Hoffentlich geht Ihnen nicht das Tschliner Bier aus!

Und wenn ich daran zurückdenke, wo ich der Lia Rumantscha als Bundesrat zum ersten Mal begegnet bin, dann war das auch … bei einem Apero!

Das war kurz nach meiner Wahl. Noch heute hängt der Schlüssel, das Symbol der Lia Rumantscha, der mir damals übergeben wurde, bei mir Im Bundeshaus Büro.

Liebe Rätoromaninnen, liebe Rätoromanen

Ich bin sehr froh, bereits zum zweiten Mal seit meinem Amtsantritt zu Ihnen in die Rumantschia kommen zu dürfen. Letztes Jahr habe ich mit grosser Freude die Val Müstair besucht zur Feier «90 (novanta) onns Tessanda». Und nun komme ich ins multikulturelle Engadin.

Dank der romanischen Sprache, der Nähe Italiens und Österreichs, der Nachbarn in den italienischsprachigen Tälern, und der deutschsprachigen Zuzügler stossen hier fünf Kulturen zusammen. Traditionelle Bräuche wie Chalandamarz verbinden sich mit dem internationalen Flair von St. Moritz und der Internatsschule Lyceum, die wie mir gesagt wurde, Schüler aus über 30 Nationen ausbildet.

3. Nationaler Zusammenhalt und Innovation

Liebe Gäste

Zuoz ist die letzte Station meiner dreitägigen Reise durch die Schweiz rund um unseren diesjährigen Nationalfeiertag. Sie führte mich in alle Sprachregionen.

Zuerst in die Deutschschweiz, zu den weltberühmten Höhlen von Krauchtal ins Emmental. Dann auf einen Bauernhof auf der Alp L’Etivaz im Waadtland, wo im Jahr 2000 innovative Landwirte den ersten Schweizer Alpkäse mit dem AOP-Qualitätszeichen hergestellt haben. In serata sono poi sceso nel profondo Sud, a Chiasso, per l’allocuzione dinnanzi ai miei concittadini ticinesi. Und schliesslich - last but not least - heute hier zu Ihnen in die Rumantschia.

Warum wollte ich in die 4 Sprachregionen reisen? Als ich die Wahl in den Bundesrat angenommen habe, gab ich das Versprechen ab, mich als Schmied in den Dienst des Landes zu stellen. Ich will zusammenschmieden, was zusammengehört. Damit wir stolz sagen können: Ein Land, zusammengeschmiedet aus 4 Kulturen.

Ich möchte hier in Zuoz eine klare Ansage machen: Bleiben wir uns treu.
Treu wie die Schweizer Flagge. Sie ist und bleibt quadratisch, auch wenn sie nicht auf die Fahnenmasten der Welt passt. Wir haben die einzige quadratische Flagge der Welt, zusammen mit dem Vatikanstaat. Alle anderen sind rechteckig (ausser der Flagge von Nepal, die aus zwei Dreiecken besteht).

Das harmonische weisse Kreuz auf rotem Grund wird nicht geändert. Und auch die horizontale – von West bis Ost – und die vertikale Achse – von Nord bis Süd sind gleich lang und gleich breit. Weil wir Sorge tragen, die einen für die anderen und umgekehrt.
Und darauf können wir stolz sein. Possiamo esserne fieri!

Deshalb habe ich für diesen 1. August ein passendes Motto gefunden: 1-2-3-4!

Ein Land - Zwei Farben – Drei Tage unterwegs – Vier Sprachen
Un Paese - Due colori - Tre giorni attraverso la Svizzera - Quattro lingue

Die Lia Rumantscha hat ebenfalls die Aufgabe zusammenzuschmieden (Lia bedeutet ja Bund/Bündnis). La particolarità della lingua romancia è che in realtà ci sono 5 idiomi, ognuno con la propria lingua scritta. Tutti importanti, tutti da trattare allo stesso modo, tutti insieme sotto il cappello della Lia Rumantscha. Un’associazione che 100 anni fa si era posta l’obiettivo di garantire la sopravvivenza della lingua romancia. E Lo ha fatto con idee innovative. Se penso alla creazione della lingua standard Rumantsch Grischun mi verrebbe addirittura da dire: idee rivoluzionarie.

Come ogni anniversario, anche questi 100 anni ci devono permettere di tracciare il bilancio del passato e di immaginare il futuro. Occorre porsi nuovi obiettivi, esplorare nuove vie. Come il progetto «medias rumantschas 2019», lanciato di recente. Vi felicito per quest’approccio pragmatico, che dovrebbe poter garantire il futuro editoriale dei media romanci. Visto che i media locali sono in crisi un po’ in tutta la Svizzera, chissà che questa vostra idea non possa fungere da modello anche in altre regioni. Altra costatazione: questo progetto evidenza ancora una volta come l’innovazione sia il frutto di un lavoro di squadra. Innovation ist Teamarbeit!

Dank unserem Zusammenhalt ist die Schweiz das innovativste Land der Welt, wie der vor wenigen Tagen erschienene Global Innovation Index 2019 wieder einmal zeigt.

Ich bewundere die Eigeninitiative und den Mut, neue Wege zu gehen. Das geht nicht ohne Hürden - wie wir alle wissen. Man muss diese aber überwinden, egal ob sie regulatorischer, psychologischer oder weltanschaulicher Natur sind. Auch die Herausforderungen für den Erhalt des Rätoromanischen sind gross, aber ich möchte Ihnen sagen: Lassen Sie sich nicht entmutigen!

Behalten Sie den Kampfgeist, den ich bei der Lektüre des Chalender Ladin von 1920 gespürt habe: Da ist die Rede davon, dass die « Lia Rumantscha die Täler wiedererobern wird, die jahrzehntelang den grössten Gefahren der Germanisierung ausgesetzt waren». Die Schweiz braucht das Rumantsch!

4. Die Schweizer Identität

La varietà linguistica e culturale è un elemento chiave della nostra identità. È al contempo un punto di forza e una sfida costante. Una sfida volta a identificare, in mezzo a tante differenze, ciò che ci unisce. Dobbiamo costantemente cercare l’unità nella diversità: è uno sport nazionale! In nessun altro Paese al mondo la Costituzione conferisce alla pluralità culturale un significato più elevato che in Svizzera. Ed è giusto che sia così.

Il sostegno della Confederazione alla Svizzera romancia avviene tramite la politica culturale del Consiglio federale: proprio in queste ultime settimane ci siamo chinati sul messaggio da trasmettere al Parlamento, che propone una strategia e un finanziamento per i prossimi quattro anni.

Der Bundesrat setzt in der Kulturpolitik auf drei Handlungsachsen: kulturelle Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Kreation und Innovation. Eine innovative Massnahme, die ich persönlich sehr begrüsse, sind rätoromanische Sprachkurse für Kinder und Jugendliche in der Diaspora. Aufgrund der Bedeutung des Rumantsch ausserhalb des traditionellen Sprachgebiets können solche Kurse, mit der Unterstützung vom Bund, ab 2020 angeboten werden.

5. Sprachliche Minderheiten

Liebe Rätoromaninnen und Rätoromanen

Als Angehöriger einer sprachlichen Minderheit weiss ich, wie es ist, bei der Arbeit nicht seine Muttersprache sprechen zu können; bei den Bundesratssitzungen muss ich Deutsch oder Französisch sprechen, wenn ich will, dass die anderen Bundesräte wirklich alles verstehen, was ich sage. Wenn ich mit Medien aus der Deutschschweiz oder der Romandie spreche, vergisst man oft, dass ich nicht die gleiche Genauigkeit haben kann, wie in meiner Muttersprache.

Vor knapp einem Jahr (September 2018) hat die Bündner Stimmbevölkerung die Fremdsprachen-Initiative klar abgelehnt. Sicher auch dank dem grossen Einsatz der Lia Rumantscha und der Pro Grigioni Italiano. Die Abstimmung hat aber auch eine gewisse Spaltung gezeigt. Die romanischen und italienischen Regionen haben mit 80-90 Prozent überdeutlich Nein gesagt. Manche deutschsprachigen Gemeinden haben hingegen der Initiative zugestimmt.

Wir Tessiner haben immer wieder mit dem Polenta-Graben zu kämpfen! Ihr habt einen Capuns-Graben. Der ist zwar kulinarisch genau so gut wie die Polenta oder das Röschti, aber er ist der einzige Graben innerhalb ein und desselben Kantons.

Das zeigt, dass ein dreisprachiger Kanton nicht selbstverständlich ist. Es erfordert viel Arbeit und gegenseitiges Verständnis, diesen einzigartigen Kanton zu erhalten. Dazu kann ich nur sagen: Wenn Sie einen Schmied brauchen, wissen Sie wo Sie mich finden können!

6. Aussenpolitik ist Innenpolitik und vice-versa

Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit will ich auch in und mit meinem Departement entwickeln. In den nächsten Wochen werden einige meiner Mitarbeiter – koordiniert von Staatssekretärin Pascale Baeriswyl - in ihre Heimatkantone gehen, um dort die Arbeit unseres Departementes - des EDA - zu erklären. Wir nennen das «Botschafter bi de Lüt». Eine Gruppe wird auch ins Engadin kommen. Warum tun wir das?

Parce-que je veux mieux expliquer la politique étrangère en Suisse. Il est important que la population puisse nous comprendre et soutenir ainsi notre action. De plus, mes collaboratrices et collaborateurs doivent bien connaître notre Pays s’ils veulent le représenter à l’Etranger.

Die sprachliche und kulturelle Vielfalt unseres Landes bekannt zu machen, ist eine wichtige Aufgabe unserer Botschaften im Ausland. Die rätoromanische Sprache und Kultur könnten wir dabei vermehrt in den Vordergrund stellen.

7. Eine Idee …

Und zum Schluss eine Idee: In vielen Ländern wird eine «setttimana della lingua italiana» oder eine «semaine de la langue française» organisiert.  Diese Anlässe sind immer ein grosses Fest, bei dem der Austausch und die jeweilige Sprache und Kultur im Mittelpunkt stehen.
Ich würde es sehr begrüssen, wenn es in Zukunft auch eine «emna da la lingua rumantscha» geben würde. Machen’s wir doch zusammen!

A revair e bella saira
A reveir e bella seira
Sin seveser e biala sera
Sen saver e beala sera
Adia (Zuoz)


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