Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

Wissenschaftsdiplomatie als Beitrag zur Friedensförderung

Die Gründung des CERN in Genf hat auf ihre Weise zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen. Den Anstoss dazu gab im Jahr 1954 Professor Herwig Schopper. Im Jahr 2021, im Alter von 97 Jahren, setzt sich der Doyen weiterhin aktiv für den Frieden und die Förderung der Wissenschaft ein und treibt die Gründung weiterer Institute in verschiedenen strategisch wichtigen Regionen der Welt voran.

13.09.2021
Gruppenbild mit Bundesrat Ignazio Cassis und Vertreterinnen und Vertreter von zehn südosteuropäischen Staaten.

Bundesrat Ignazio Cassis mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz zum Projekt SEEIIST. © Keystone

Die Gründung des CERN im Jahr 1954 auf Initiative von Professor Herwig Schopper in Genf bildete den Grundstein eines Projekts zur Wiederannäherung Europas an die Welt durch wissenschaftliche Forschung im Nachkriegskontext. Fast 70 Jahre später steht die zwischenstaatliche Organisation für eine neue Welt, in der Fachkräfte aus aller Welt im Dienste wissenschaftlicher Exzellenz zusammenarbeiten.

Professor Herwig Schopper hält 1999 einen Vortrag.
Herwig Schopper widmete sein Leben der Forschung und der Frage, wie sie Experten aus verschiedenen Ländern für ein gemeinsames Ziel zusammenbringen kann. © Keystone

Das CERN hat massgeblich zur Rolle der Stadt Genf als Zentrum internationaler Begegnungen beigetragen. Es spielte nie eine Rolle, woher die neuen Kernforscherinnen und -forscher kamen. Vielmehr ging es darum, ihren Ansatz zur Weiterentwicklung der Wissenschaft zu verstehen und gleichzeitig ein Klima des Friedens zum Wiederaufbau Europas zu fördern.

Unermüdlich verfolgt Professor Schopper sein Lebensziel, durch Wissenschaftsdiplomatie zur Friedensförderung beizutragen. Im Alter von 97 Jahren prüft er immer noch verschiedene Optionen zur Realisierung ähnlicher Projekte in strategisch wichtigen Regionen der Welt. Im Mai 2017 öffnete das Projekt SESAME – das CERN des Nahen Ostens – nach jahrelangen Diskussionen seine Pforten in Jordanien. Derzeit wird die Möglichkeit geprüft, ein ähnliches Projekt in Südosteuropa ins Leben zu rufen.

SEEIIST: ein Instrument der Wissenschaftsdiplomatie auf dem Balkan

Beim SEEIIST-Projekt (South East European International Institute for Sustainable Technologies) geht es um die Gründung eines neuen Zentrums für wissenschaftliche und technologische Forschung in Südosteuropa. Das Zentrum soll einerseits die biomedizinische und nukleare Forschung vorantreiben, insbesondere im Bereich der Spitzentechnologie zur Behandlung bestimmter Krebsarten, und andererseits zur technologischen Entwicklung in einer strategisch wichtigen Region der Welt beitragen.

Wie das im Jahr 1954 in Genf gegründete CERN soll das Projekt die erfahrensten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Balkan und Südosteuropa unter einem Dach zusammenführen. Ziel ist es, den Austausch unter Fachleuten verschiedener Länder zu fördern, die dazu sonst keine Gelegenheit hätten.

Video des Anlasses zum SEEIIST-Projekt (South East European International Institute for Sustainable Technologies).

Neue Technologien zur Behandlung von Krebs

Im März 2017 sagte als erste die Regierung Montenegros dem SEEIIST-Projekt offiziell ihre politische Unterstützung zu. Nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung im Oktober 2017 im CERN wurde die Initiative in ein regionales Projekt umgewandelt, an dem neben Montenegro auch Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, die Republik Kosovo, die Republik Nordmazedonien, Serbien und Slowenien teilnehmen. Kroatien und Griechenland werden sich als Beobachter am Projekt beteiligen.

Zu den Schwerpunkten des SEEIIST gehört der Aufbau eines Hadronentherapiezentrums für die Krebsbehandlung. Diese Technologie ist heute in der gesamten Region kaum zugänglich. Sie ermöglicht es, strahlenresistente und inoperable Tumoren mithilfe von Teilchenstrahlen, sogenannten Hadronen, zu behandeln, insbesondere mit Protonen und Kohlenstoffionen.

Das SEEIIST hat den Anspruch, sich zu einem wissenschaftlichen Kompetenzzentrum zu entwickeln, das die internationale und regionale Zusammenarbeit vorantreibt. Die nachhaltige Entwicklung und die Förderung von Bildung, Technologietransfer und digitaler Vernetzung sowie der Umgang mit Big Data stehen dabei im Vordergrund. Allerdings gibt es noch einige Punkte zu klären.

Vorbereitungstreffen in der Schweiz

Die Schweiz organisiert das hochrangige Treffen der politischen Verantwortlichen aus der Region und weiterer wichtiger Akteure (namentlich CERN und Paul Scherrer Institut) auf Anfrage des Lenkungsausschusses des SEEIIST. Die Gespräche sollen dazu beitragen, die Gründung des Kompetenzzentrums für die wissenschaftliche Forschung zu erleichtern sowie den Standort und die Rechtsform festzulegen.

Bundespräsident Ignazio Cassis hält eine Rede.
Bundesrat Ignazio Cassis unterstrich in seiner Rede die Bedeutung der Wissenschaftsdiplomatie als Instrument der Aussenpolitik. © Keystone

Am 13. September 2021 empfing die Schweiz die zuständigen Ministerinnen und Minister sowie Vertreterinnen und Vertreter der betroffenen Länder zu vorbereitenden Gesprächen. Bundesrat Ignazio Cassis begrüsste die Delegationen und nahm selbst an der Veranstaltung teil.

Professor Herwig Schopper (Ehrenmitglied des SEEIIST) und Professor Leander Litow (bulgarischer Vorsitzender des Lenkungsausschusses des SEEIIST) nahmen zusammen mit Staatssekretärin Martina Hirayama (SBFI), dem Sonderbeauftragten für Science Diplomacy, Botschafter Alexander Fasel, Botschafter Stefan Estermann, der Generaldirektorin des CERN, Fabiola Gianotti, und dem Vizedirektor des Paul Scherrer Instituts, Leonid Rivkin, an den Gesprächen teil.

Wissenschaftsdiplomatie, Schwerpunkt der aussenpolitischen Strategie der Schweiz

Mit der Unterstützung der Gespräche über die Gründung des SEEIIST möchte die Schweiz die Wissenschaftsdiplomatie auch hier als Instrument der Aussenpolitik im gegenseitigen Interesse von Wissenschaft und Diplomatie einsetzen. Die Unterstützung des Projekts steht im Übrigen in Einklang mit der Aussenpolitischen Strategie 2020–2023 des Bundesrates.

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