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auswärtige Angelegenheiten EDA

Schweiz – Vatikan: Gemeinsame Geschichte mit vielen Kapiteln

Fast 50 Jahre waren die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Vatikan unterbrochen. 1920 beschloss der Bundesrat die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Im Jahr des 100-Jahre-Jubiläums sind nun Gespräche im Gang, wie die heute sehr gute Zusammenarbeit weiter ausgebaut werden kann.

Auszug aus dem Protokoll der Bundesratssitzung vom 18. Juni 1920 zum Antrag von Bundespräsident Giuseppe Motta, die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl wiederaufzunehmen.

Auszug aus dem Sitzungsprotokoll: Bundespräsident Giuseppe Motta stellte am 18. Juni 1920 im Bundesrat den Antrag, die diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl wiederaufzunehmen. © Bundesbehörden der schweizerischen Eidgenossenschaft

Der 18. Juni 1920 war im bilateralen Verhältnis zwischen der Schweiz und dem Vatikan ein wichtiger Tag: Damals beschloss der Bundesrat, dem Wunsch des Heiligen Stuhls zu entsprechen und diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl wieder aufzunehmen. Der Antrag dazu kam von Bundesrat Giuseppe Motta. Der Tessiner, der in diesem Jahr auch Bundespräsident war, nahm am 8. November 1920 in Bern das Beglaubigungsschreiben des Nuntius entgegen. Somit endete an diesem Tag ein fast 50-jähriger Unterbruch der diplomatischen Beziehungen.

Kontakte auf informeller Ebene

Buch-Cover des Buchs «Der Papst und der Bundesrat» von Lorenzo Planzi.
Lorenzo Planzi, «Il Papa e il Consiglio Federale/Der Papst und der Bundesrat/Le Pape et le Conseil fédéral», Vorwort von Kardinal Pietro Parolin und von Bundesrat Ignazio Cassis, Armando Dadò Editore, Locarno, 2020, ISBN 978-88-8281-547-9 © Armando Dadò, Editore

Hintergrund der Unstimmigkeiten war die scharfe Kritik, die Papst Pius IX. 1873 am Kulturkampf in der Schweiz geübt hatte. Als Reaktion brach der Bundesrat die diplomatischen Beziehungen ab. Allerdings waren die Kontakte auch zwischen 1873 und 1920 nie vollständig unterbrochen. Auf informeller Ebene wurden sie weitergeführt, schreibt der Historiker Lorenzo Planzi, der in seinem Buch «Der Papst und der Bundesrat» (vgl. Bild links) die Phase zwischen Abbruch und Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen erforscht hat (Interview).

Es waren denn auch die jahrhundertealten Gemeinsamkeiten, die die Schweiz und den Heiligen Stuhl einander wieder näherbrachten. Seit 1506 steht die Schweizergarde im Dienst der Päpste und wacht über den Vatikan (vgl. auch Communiqué des Bundesrates vom 11. Dezember 2020). Die Nuntiatur von Luzern, die 1586 gegründet wurde, war die zweite ausländische Vertretung auf Schweizer Boden überhaupt (nach der Vertretung Frankreichs im Kanton Solothurn).

Humanitäre Zusammenarbeit

Bild von Bundesrat Giuseppe Motta, auf dessen Initiative der Bundesrat 1920 die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen der Schweiz zum Vatikan beschloss.
Auf Initiative von Bundespräsident Giuseppe Motta beschloss der Bundesrat 1920 die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen der Schweiz zum Vatikan. © Keystone

Unmittelbar vor 1920 waren es aber vor allem humanitäre Aktionen, die der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen den Boden bereiteten. So unterstützte der Vatikan während des 1. Weltkriegs die Schweiz bei ihrem Versuch, schwer verletzte Soldaten zwischen Deutschland und Frankreich auszutauschen. Ausserdem hat sich der Vatikan dafür eingesetzt, dass kranke und verletzte Soldaten auf neutralem Gebiet gepflegt werden konnten – namentlich in der Schweiz.

Diese Zusammenarbeit während des Krieges war ausschlaggebend für die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen der Schweiz zum Vatikan. «Die Beziehungen zu den päpstlichen Delegierten und damit zum Vatikan gestalteten sich in der Kriegszeit durchaus erfreulich und es ist ohne Zweifel der Wunsch des Heiligen Stuhles, diese de facto bestehenden Beziehungen in offizielle umgewandelt zu sehen», steht im Protokoll der Bundesratssitzung vom Juni 1920. Als am 8. November 1920 der neue Nuntius Luigi Maglione Bundespräsident Giuseppe Motta sein Beglaubigungsschreiben überreichte, lobte er die Schweiz als ein Land, das «deutsche Reflexion, französischen Geist und italienisches Feingefühl» vereine.

 

Jubiläumsanlass geplant

Bundesrat Cassis sitzt mit Kardinal Pietro Parolin auf einem Sofa und unterhält sich mit ihm.
Bei seinem Treffen mit Kardinal Pietro Parolin am Rande der UNO-Generalversammlung in New York im September 2019 sprach Bundesrat Ignazio Cassis auch über den 100-Jahre-Jubiläum der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Vatikan. © EDA

Zum 100. Jahrestag der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen war ein offizielles Treffen von Bundesrat Ignazio Cassis und dem Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Pietro Parolin, in Bern geplant. Ein Anlass, über den Bundesrat Cassis und Kardinal Parolin bereits im September 2019 am Rande der UNO-Generalversammlung in New York gesprochen hatten. Vorgesehen war, dass beide nach den offiziellen Gesprächen in Fribourg eine Konferenz über « Suisse et Saint-Siège: une histoire dense, du Moyen-Age à l’engagement commun pour la paix » eröffnen. Bei diesem Anlass wäre auch das Buch von Lorenzo Planzi vorgestellt worden. Wegen der COVID-19-Pandemie musste dieser Anlass verschoben werden.

Bundesrat Cassis: «Neues Kapitel aufschlagen»

Papst Franziskus begrüsst Bundesrat Ignazio Cassis im Vatikan
Am 4. Mai 2019 wurde Bundesrat Ignazio Cassis im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. © Keystone/EPA (Vatican Media Handout)

Nichtsdestotrotz gilt, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Vatikan 100 Jahre nach ihrer Wiederaufnahme sehr gut sind. Mehr noch: «Ich bin der Meinung: Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl aufzuschlagen», sagte Bundesrat Cassis Ende Oktober 2020 in einem Interview mit kath.ch. Für den Vorsteher des EDA, der im vergangenen Jahr im Vatikan von Papst Franziskus empfangen wurde, könnte dieses neue Kapitel in einer engeren Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen bestehen.

Die Schweiz und der Heilige Stuhl hätten in gewissen Bereichen ähnliche Werte und Interessen, so der Vorsteher des EDA. «Das beginnt bei der Schweizergarde und geht bis hin zum Kampf gegen die Todesstrafe.» Bei allen Gemeinsamkeiten gebe es aber auch Unterschiede. Zum Beispiel vertrete der Vatikan eine konservative Position mit Blick auf das Familienbild. «Das sehen wir anders», sagte Bundesrat Cassis im Interview mit kath.ch.

Schweizer Botschaft im Vatikan?

Einen weiteren Beleg für die guten diplomatischen Beziehungen könnte die Einrichtung einer Schweizer Vertretung beim Vatikan darstellen. Anfragen dazu gab es immer wieder. Zum Beispiel in einem Postulat von Doris Fiala im Dezember 2012: Es sei unbestritten, so die FDP-Nationalrätin, dass die Religion in der internationalen Politik eine immer wichtigere Rolle spiele und interreligiöse Konflikte zunähmen. «Menschenrechte und Grundfreiheiten, namentlich die Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit, interkultureller und interreligiöser Dialog, das Verhältnis des säkularen Staates zur Religion, die Herausforderungen des politischen Islam: In all diesen Fragen hat der Heilige Stuhl, ob wir mit ihm einverstanden sind oder nicht, eine gewichtige Stimme», so Doris Fiala damals.

Schweizer Interessen mittels Seitenakkreditierung vertreten

Porträt von Denis Knobel, Schweizer Botschafter in Slowenien, der die Schweiz auch im Vatikan vertritt.
Der Schweizer Botschafter in Slowenien, Denis Knobel, vertritt mit einer Seitenakkreditierung auch die Interessen der Schweiz im Vatikan. © EDA

Mit der Ernennung eines Botschafters in Sondermission hatte der Bundesrat 1991 der Einseitigkeit im diplomatischen Verkehr ein Ende gesetzt. Dies geschah aufgrund der Diskussionen über die Situation im Bistum Chur mit Bischof Haas. Später entschied der Bundesrat, die diplomatischen Verbindungen mit dem Vatikan über so genannte Seitenakkreditierungen zu regeln. Dabei ist der Schweizer Botschafter in einem anderen Land gleichzeitig auch für den Vatikan zuständig. Seit 2014 zum Beispiel hält der Schweizer Botschafter in Slowenien die Kontakte mit dem Vatikan aufrecht.

Mit diesen Seitenakkreditierungen ist die Schweiz keine Ausnahme. Viele weitere Staaten haben keine Vertretung beim Heiligen Stuhl vor Ort. Nicht möglich ist ausserdem, dass die Schweizer Botschafterin in Rom auch für den Vatikan zuständig ist: Aufgrund der Lateranverträge von 1929 zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl kann ein für Italien zuständiger und in Rom residierender Botschafter nicht gleichzeitig beim Heiligen Stuhl akkreditiert sein.

Für den Bundesrat sind die diplomatischen Kontakte damit gewährleistet. Ausserdem verschaffe die päpstliche Schweizergarde der Schweiz nicht nur eine Visibilität, sondern der offiziellen Schweiz beim Heiligen Stuhl auch einen privilegierten Zugang zu wichtigen Gesprächspartnern. Die politische Berichterstattung aus dem Vatikan und der bevorzugte Zugang sei damit gesichert, antwortete der Bundesrat am 13. Februar 2013 an Nationalrätin Fiala.

Derzeit prüft das EDA die Einführung eines eigenen, residenten Schweizer Botschafters beim Heiligen Stuhl, sagte Bundesrat Cassis gegenüber kath.ch. «Es gibt noch keinen Entscheid», sagte der Vorsteher des EDA über den aktuellen Stand der Diskussionen.

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