Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

Lehren aus der Malariabekämpfung für den Umgang mit COVID-19?

Die Malariabekämpfung stellt einen Schwerpunkt der Aktivitäten der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz im Bereich der globalen Gesundheit dar. Die Stärkung von Gesundheitssystemen sowie gemeinsames und solidarisches Handeln führten bei der Bekämpfung von Malaria zum Erfolg. Für Olivier Praz von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) könnte das in diesem Bereich aufgebaute Fachwissen bei der Bekämpfung von COVID-19 hilfreich sein.

Ein Pflegefachmann in der Intensivstation eines Spitals in der Schweiz während der Coronavirus-Pandemie (COVID-19). © Keystone

COVID-19: 178’845 Todesfälle (Stand 22. April 2020). Malaria: 405’000 Todesfälle im Jahr 2019. Die beiden Krankheiten sind ansteckend und potenziell tödlich, weisen jedoch unterschiedliche epidemiologische Merkmale auf. Für beide Krankheiten gibt es keinen Impfstoff. Positive Entwicklung bei der Malaria: Die Krankheit geht zurück. In 20 Jahren nahm die Verbreitung (Malaria-Karte) merklich ab.

Olivier Praz
Olivier Praz © DEZA

Olivier Praz ist für das Malaria-Dossier des Globalprogramms Gesundheit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) zuständig. Er glaubt, dass wir aus der im Bereich der Malariabekämpfung weltweit geleisteten Arbeit Lehren ziehen können.  

Interview

Der Weltmalariatag steht vor der Tür, und wir befinden uns weltweit mitten in der COVID-19-Krise. Warum denken Sie, dass Parallelen zwischen den beiden Krankheiten gezogen werden können?

Malaria und COVID-19 belasten die Gesundheitssysteme enorm. Wenn die Spitäler nicht in der Lage sind, einen plötzlichen Anstieg an Patienten zu bewältigen, wird sich die Krise zuspitzen, und das Todesfallrisiko wird zunehmen.

COVID-19 hat unsere Gesundheitssysteme aufgrund seiner explosionsartigen Zunahme vor unerwartete Herausforderungen gestellt. In den Malaria-endemischen Ländern nimmt die Zahl der

Infizierten ein- bis zweimal im Jahr sprunghaft zu, nämlich wenn sich die Moskitos kurz nach der Regenzeit vermehren.

Hier braucht es solide Gesundheitssysteme, die angemessen auf eine plötzliche endemische Krise reagieren können. Ein Gesundheitszentrum, das weder über genügend Betten noch über verfügbares und geschultes Personal oder gut funktionierende Einsatzprotokolle verfügt, kann keine gute Versorgung sicherstellen.

Die strukturellen Schwächen der Gesundheitssysteme sowie eine ungenügende Prävention sind Gründe für die hohe Sterblichkeitsrate bei COVID-19 und Malaria.

Was verstehen wir unter «Gesundheitssystem»?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2000 eine Definition vorgeschlagen, die von allen Mitgliedstaaten anerkannt wurde (6 wesentliche Säulen eines jeden Gesundheitssystems):

  • angemessene Infrastruktur (Gesundheitszentren, Fachspitäler)
  • qualifiziertes und motiviertes Pflegepersonal
  • verfügbare und zugängliche medizinische Produkte
  • funktionstüchtige Informationssysteme (Überwachung, Forschung, epidemiologische Analysen)
  • eine auf die Patientenbedürfnisse ausgerichtete Gouvernanz
  • nachhaltige Finanzierung
Können Sie einige Zahlen nennen, die den Erfolg der weltweiten Malariabekämpfung veranschaulichen?

Der Kampf gegen Malaria ist eine grosse Erfolgsgeschichte der Menschheit.

Laut WHO ist die Sterblichkeitsrate im Verlauf von 20 Jahren um 60 Prozent gesunken. Die Zahl der Toten ist von 840’000 im Jahr 2000 auf 440’000 im Jahr 2015 zurückgegangen. Die in den letzten zwei Jahren entwickelten Malariamedikamente retteten 2,2 Millionen Menschen das Leben. Bezüglich Prävention waren die nationalen Kampagnen zur Verteilung von Moskitonetzen ausserordentlich wirksam.

 

Die Schweiz engagiert sich aktiv im Kampf gegen Malaria. Ihr Fachwissen ist anerkannt. Welches sind die wichtigsten Aspekte ihrer Aktivitäten?

Die Schweiz ist bei der weltweiten Malariabekämpfung eine massgebende Akteurin. Sie zeichnet sich durch ihr grosses Know-how und ihr effizientes, strukturiertes und koordiniertes Engagement aus.

Die Schweiz ist Gründungsmitglied der in Genf ansässigen WHO und des Globalen Fonds. Sie setzt sich für eine Intensivierung der Bekämpfung ein. Zahlreiche Schweizer Expertinnen und Experten sind in internationalen Ausschüssen und Arbeitsgruppen für Malaria vertreten. Genf ist das internationale Kompetenzzentrum für Weltgesundheit. In der Schweiz befinden sich viele der grössten öffentlichen und privaten Akteure der Welt, UNO-Organisationen, NGO, Forschungsinstitute und Produktentwicklungspartnerschaften.

Die internationale Zusammenarbeit des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten umfasst ein Globalprogramm Gesundheit, das seit Jahrzehnten ein besonderes Augenmerk auf das Thema Malaria legt. Die Schweiz setzt auf relevante und starke Partnerschaften. Die Swiss Malaria Group zum Beispiel vereint öffentliche und private Partner – darunter das EDA –, die sich für einen gemeinsamen und dauerhaften integrierten Ansatz stark machen.

 

Welche Lehren ziehen Sie aus der Malariabekämpfung, die für den Umgang mit COVID-19 hilfreich sein könnten?

Zum Erfolg beigetragen haben wirksame öffentlich-private Partnerschaften, ein gezielter Mix von Instrumenten (Prävention, Behandlung, Gesundheits- und Hygienekampagnen) und verstärkte Investitionen in die Forschung und Entwicklung.

Jahr für Jahr wurden Kräfte gebündelt und mobilisiert, um Ziel 3 der Agenda für nachhaltige Entwicklung (2015), das heisst die Beseitigung der Malariaepidemie bis 2030, zu erreichen. Es entstanden bedeutende Partnerschaften zwischen endemischen Ländern, Forschungsinstituten, internationalen Organisationen und Fonds, Privatsektor und internationalen Geldgebern.

Die betroffenen Länder erhalten finanzielle und fachliche Unterstützung bei der Beschaffung von Diagnostika und Therapien gegen die Krankheit, aber auch beim Ausbau ihrer Gesundheitssysteme.

Bei den Interventionen vor Ort wurden verschiedene Ansätze zur Prävention, zur Sicherstellung einer mehr oder weniger kostenlosen Behandlung und zur Gesundheitsförderung kombiniert. Denn Behandlungen entwickeln und zugänglich machen allein genügt nicht, um eine Pandemie zu bekämpfen. Um die Verhaltensweisen zu verändern, die Hygiene zu verbessern und das Verantwortungsbewusstsein zu stärken, braucht es die entsprechenden Aufklärungsmassnahmen.

All diese Lehren können bei der wirksamen Bekämpfung von COVID-19 weitgehend angewandt werden.

 

Beabsichtigt die DEZA, COVID-19 in ihr Globalprogramm Gesundheit aufzunehmen?

Die Bedrohung durch COVID-19 ist so gross, weil in vielen Entwicklungsländern und Ländern des Südens die Gesundheitssysteme bereits überlastet oder schwach sind, oder weil der Zugang zur Gesundheitsversorgung und zu Medikamenten eingeschränkt ist.

In der Schweiz gibt es beispielsweise 4,4 Ärztinnen oder Ärzte pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. In Burkina Faso sind es 0,44, im Kongo 0,28, in Bolivien 1,6 und in Indien 0,8.

Die DEZA befürwortet im Kampf gegen COVID-19 eine Stärkung der Gesundheitssysteme, damit diese bei Bedarf die erforderlichen Dienstleistungen erbringen können. Dazu gehört eine entsprechende Anpassungsfähigkeit an gesundheitliche Notfallsituationen wie Pandemien unter Berücksichtigung der spezifischen Situation in den Ländern des Südens.

Das Globalprogramm Gesundheit der DEZA ist daran, entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Im Vordergrund stehen namentlich die Unterstützung globaler Initiativen zur Erforschung und Entwicklung von Medikamenten, eine bessere Vorbereitung der Gesundheitssysteme auf Pandemien sowie die Anpassung etlicher laufender Programme (z. B. im Bereich psychische Gesundheit oder Gesundheitsdeterminanten), die von COVID-19 betroffen sind.

Die DEZA beteiligt sich derzeit an den internationalen Verhandlungen über eine global koordinierte Reaktion in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Ein wirksames und solidarisches Handeln der internationalen Gemeinschaft, also auch der Schweiz, ist unabdingbar – sowohl bei der aktuellen Bekämpfung von COVID-19 als auch im Kampf gegen Malaria.

Um die Pandemie zu bewältigen, brauchen die Länder des Südens und die verletzlichen Bevölkerungsgruppen unbedingt besondere Aufmerksamkeit und bedarfsgerechte Massnahmen (Art und Weise, wie die Menschen mit Informationen zu Gesundheit und Krankheit umgehen, schwache Gesundheitssysteme, eingeschränkter Zugang zu Diagnostika, Gesundheitsversorgung und Medikamenten). Die COVID-19-Pandemie darf die Anstrengungen zur Bekämpfung anderer tödlicher Krankheiten und zur Förderung einer dauerhaften Gesundheit für alle nicht zunichtemachen.

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