Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

«Erstmals besucht ein Bundesrat das Land»

Der Schweizer Botschafter in Minsk spricht über die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Belarus und die Bedeutung der Eröffnung der Botschaft.

Bundesrat Ignazio Cassis spricht in Minsk mit dem belorussischen Aussenminister Uladzimir Makej.

Bundesrat Ignazio Cassis spricht in Minsk mit dem belorussischen Aussenminister Uladzimir Makej. © Aussenministerium Belarus

Eine gute Basis für die weitere Zusammenarbeit

 

Herr Altermatt, Sie sind der Schweizer Botschafter in Minsk. Der Maler Marc Chagall ist sicher eine der bekanntesten Persönlichkeiten, die man mit Belarus verbindet. Welche anderen «Brückenbauer» zwischen der Schweiz und Belarus gibt es?

Auf dem Boden des heutigen Belarus lebten während Jahrhunderten verschiedene Völker miteinander. Es war ein Grenz- und Übergangsland zwischen Polen und Russland, zwischen Baltikum und Schwarzem Meer. Die Definition des «Belarussischen Bürgers» gab es deshalb lange Zeit nicht. Ich denke deshalb, dass wir uns hüten sollten, in Schablonen zu denken. So war der grosse Freiheitskämpfer Kosciusko ein Held Polens (und der USA), obwohl er auf dem Boden der heutigen Republik Belarus geboren wurde und im Exil vor der Restauration in Europa 1817 in Solothurn verstarb. Und der grosse Künstler Marc Chagall, Jude aus Witebsk, jüdisch geprägt im russischen Kaiserreich, zog über Berlin nach Frankreich.

 

Sie leiten seit September 2017 das Botschaftsbüro in Minsk, das nun zu einer Botschaft aufgewertet wird. Wie haben Sie das Land kennengelernt? 

Seit ich am 12.9.2019, Präsident Lukaschenka mein Beglaubigungsschreiben überreicht habe, als allererster Botschafter der Schweiz mit ständigem Sitz in Belarus, konnte ich viel Wohlwollen spüren, auf belarussischer Seite, im Diplomatischen Korps, aber auch bei jenen Schweizern, die dieses kaum bekannte Land kennen. 

Aussenminister Makej erklärte im vergangenen Herbst in einer Zeitung auf die Frage «Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?» geantwortet: «Dass Belarus zur Schweiz Osteuropas wird. Das wär's.».   

Die Menschen im Land, die ich getroffen habe, haben mich durch ihren Durchhaltewillen beeindruckt. Dieser gründet vielleicht auch in der Geschichte der Menschen in Belarus, die in den letzten 250 Jahren immer wieder geprägt war von Krisen, Kriegen und Katastrophen.  

 

Wie schätzen Sie die bilateralen Beziehungen mit Belarus ein?

Sie haben sich kurz vor und seit nach der Aufwertung zur Botschaft sehr verbessert, nicht zuletzt dank der Tätigkeit von Parlamentariern hüben und drüben. Die Kontakte beleben sich auch in anderen Bereichen, zum Beispiel zwischen den Hochschulen oder in der Wirtschaft. So hat ein Schweizer Unternehmen 2014 ein neues Werk für die Produktion von Schienenfahrzeugen gebaut und seither fast 1550 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die hochmodernen Züge fahren heute durchs Land und werden als Symbol von schweizerischer Zuverlässigkeit und Qualität wahrgenommen.

 

Nun wird in Minsk die Botschaft eröffnet. Was bedeutet das konkret für die Zusammenarbeit der Schweiz mit Belarus?

Der Besuch von Bundesrat Cassis zur Eröffnung der Botschaft wird dem beidseitigem Verhältnis einen symbolischen Schub verhelfen. Erstmals besucht ein Bundesrat das Land, das in der Schweiz bis vor wenigen Jahren kaum bekannt war. Ein solcher Besuch ist sehr wichtig, denn gerade hier werden solche Symbole sehr ernst genommen. Und die Eröffnung der Botschaft schafft sicher auch eine gute Basis, um unsere Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel bei den Menschenrechten, erfolgreich weiterzuführen. 

 

Inwiefern wird sich Ihre persönliche Arbeit verändern?

Ich bin als Einzelkämpfer bereits heute eigentlich für alles verantwortlich. Der Arbeitsalltag mit Selbstverwaltung, politischer Berichtserstattung, Öffentlichkeitsarbeit oder Repräsentationspflichten wird sich grundsätzlich kaum verändern. Ich führte in den vergangenen zwei Jahren das Botschaftsbüro mit Blick auf eine mögliche Aufwertung. Das ist hier sehr geschätzt worden. 

 

Die Schweiz führt verschiedene politische Dialoge mit Belarus, etwa zu Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit. Welche Fortschritte wurden hier erzielt?

Der politische Dialog und der damit eingehende intensive Austausch waren auf Stufe stellvertretende Staatssekretärin und stellvertretender Aussenminister bisher äusserst nützlich auch und gerade bei allen Unterschieden im Aufbau des Staatswesens und politischer Kultur, die zwischen der Schweiz und Belarus bestehen. Auch unsere Tätigkeiten im Bereich Menschenrechte zeitigen nun gewisse Fortschritte, so im Bereich Folterbekämpfung. Wir werden diese Dialoge weiterführen! 

 

Wo sehen Sie Potenzial für einen Ausbau der Beziehungen zwischen der Schweiz und Belarus?

Das Potenzial, das durchaus vorhanden ist, wird erst zu einem geringen Teil ausgenutzt. Es ist im Interesse beider Länder, hier voranzukommen. Hier gibt es schon erfreuliche Entwicklungen. So ist im Januar 2020 in Bern der Verein «Schweiz-Belarus» gegründet worden. Einsatz und Tätigkeit von Freiwilligen und Interessierten in der Schweiz werden sehr wertvoll sein. Und im wirtschaftlichen Bereich – Aussenhandel, Investitionen - ist die Arbeit des Wirtschaftsrats sehr nützlich. 

Zum Anfang