Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

«Gegenseitiges Vertrauen und Kommunikation sind die Treiber unseres Teams»

Der Soforteinsatz der Humanitären Hilfe des Bundes in Beirut ist abgeschlossen. Claude Wandeler, stellvertretender Chef der Abteilung «Mittlerer Osten und Nordafrika – Humanitäres» (MONA-H), spricht über seine Rolle als Teamleiter und Koordinator der ersten Einsatzteams vor Ort. Er unterstreicht die Komplementarität zwischen der Nothilfe und den laufenden Kooperationsprojekten der Schweiz in der Region.

11.09.2020
Claude Wandeler steht während einer Teamsitzung vor einem Bildschirm.

Claude Wandeler koordinierte als Teamleiter die Aktionen der ersten Teams für humanitäre Hilfe, die nach der Explosion in Beirut in die Libanesische Hauptstadt entsandt wurden. © EDA

Sie leiteten die ersten Einsatzteams, die nach Beirut entsandt wurden. Wie bereitet man sich auf diese Rolle vor?

Jede Mission ist anders, und wir sind jedes Mal mit einer Fülle von nicht vorhersehbaren Informationen konfrontiert, auf die wir flexibel reagieren müssen. Für mich war der Libanon jedoch kein unbekanntes Terrain: Als stellvertretender Chef der Abteilung «Mittlerer Osten und Nordafrika – Humanitäres» (MONA-H), die eng mit dem Kooperationsbüro und der Botschaft in Beirut zusammenarbeitet, war ich schon vor der Abreise ziemlich gut informiert. Nützlich waren auch meine früheren Berufserfahrungen im Rahmen der Humanitären Hilfe des Bundes und verschiedenen NGO.

Bei der Wahl eines Teamleiters sind das Profil und die Erfahrung einer Person wichtig. Die Humanitäre Hilfe des Bundes organisiert auch Ausbildungskurse für die Personen, die für einen solchen Einsatz aufgeboten werden können.

Experten der Humanitären Hilfe des Bundes informieren sich in einem Raum über ihre Aufgaben.
Während eines Einsatzes ist der tägliche Informationsaustausch zwischen den Teammitgliedern der Humanitären Hilfe unerlässlich, um die Bevölkerung wirksam zu unterstützen. © EDA

In Beirut waren viele spezialisierte Teams im Einsatz (Bauwesen, Gesundheit, Sicherheit, Logistik, Kommunikation). Wie koordinieren Sie die Arbeiten in so unterschiedlichen Bereichen?

Es gab nicht nur verschiedene Tätigkeitsbereiche, sondern auch unterschiedliche Interventionsachsen – einerseits die Unterstützung der Botschaft und andererseits die humanitäre Hilfe für die Bevölkerung. Diese sind führungstechnisch sehr unterschiedlich. Die von uns entsandten Personen haben noch nie zusammengearbeitet und müssen nun auf einen Schlag in einem neuen Kontext als Team funktionieren. Daher ist es wichtig, dass sowohl die Teammitglieder als auch die Koordinatorin oder der Koordinator offen sind, dass sie einander vertrauen und sich gegenseitig helfen.

Ebenso wichtig ist es, dass Informationen geteilt werden. Unsere Operationsbasis vor Ort befand sich in einem Hotel, und die Tatsache, dass wir alle unter einem Dach wohnten, erleichterte die Kommunikation erheblich. Wir machten uns sofort an die Arbeit auf den Strassen von Beirut. Bevor wir am Morgen aufbrachen, hatten wir jeweils ein 15-minütiges Briefing, bei dem jede Teamleiterin und jeder Teamleiter die Aufgaben und Ziele zusammenfasste. Das Debriefing am Abend war jeweils ebenso wichtig. Auf diese Weise waren alle jeden Morgen auf dem gleichen Informationsstand. Vertrauen, Austausch und Flexibilität sind unerlässlich, wenn man am gleichen Strick ziehen und effizient Hilfe leisten will.

Wie fügt sich die Nothilfe in die Projekte der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz in der Region ein?

Wir haben ein Kooperationsprogramm für die MONA -Region, die einen Schwerpunkt der Zusammenarbeit des Bundes bildet. Dieses konzentriert sich insbesondere auf die Auswirkungen des Syrienkonflikts, die auch den Libanon, Jordanien, Irak und Türkei betreffen. In einer Notsituation wie dieser gibt es jedoch andere Dynamiken, was die Zielgruppen und deren Bedürfnisse sowie unsere Reaktionsgeschwindigkeit anbelangt.

Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass sich gewisse Aktivitäten mit bereits laufenden Kooperationsprogrammen decken. In Beirut waren wir im Gesundheitsbereich aktiv. Dieser Bereich wird von unseren Programmen zwar nicht abgedeckt, aber wir stellten hier einen konkreten Bedarf fest und sahen einen Mehrwert im Schweizer Beitrag. Zudem waren wir im Bildungswesen tätig, und dieses Engagement hat einen sehr starken Bezug zu dem, was wir in der Region bereits seit einiger Zeit tun. Wir haben bei der Instandstellung von 19 öffentlichen Schulen geholfen, die durch die Explosion beschädigt worden waren. Mit unseren Programmen wollen wir das Thema Bildungszugang verstärkt angehen, nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die libanesische Bevölkerung, und sicherstellen, dass die Qualität des Bildungsangebots und das schulische Umfeld die kognitive Entwicklung der Kinder fördern. Angesichts der Komplementarität unseres Engagements ist die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Kooperationsbüro von zentraler Bedeutung.

Fassade einer Schule in Beirut.
Unter anderem haben Schweizer Experten an der Instandsetzung von 19 Schulen mitgewirkt. Das Thema Bildung ist ein elementarer Bestandteil der Kooperationsprojekte in der Region. © EDA

Ein Staat wie die Schweiz muss seine humanitäre Hilfe neutral und unparteiisch leisten. Wie verliefen die Verhandlungen mit den Behörden vor Ort?

Im Zentrum unseres Engagements steht die Hilfe für die schwächsten Bevölkerungsgruppen. Bei den Verhandlungen gehen wir von diesem Schwerpunkt aus, der zunächst von den Behörden geteilt werden muss.

Wir werden in der Regel aufgrund eines offiziellen Hilfsgesuchs tätig. In diesem Fall schickte die libanesische Botschaft in der Schweiz eine Verbalnote, auf die wir umgehend formell reagierten. Vor Ort gibt es dann eine informellere Kommunikation, wenn es darum geht, Informationen zu sammeln und Kontakte zu den verschiedenen Ministerien herzustellen und ihre Unterstützung zu sichern.

Eine wichtige Rolle spielen auch die lokalen Behörden, zum Beispiel, wenn es eine Bewilligung zur Durchführung von Gebäudeanalysen braucht. Damit wir ein komplementäres Engagement anbieten können, sprechen wir uns ausserdem mit den anderen Staaten vor Ort und den internationalen Organisationen ab. Das Kooperationsbüro in Beirut war eine wichtige Stütze und hat uns die Arbeit erheblich erleichtert.

 
Vertrauen, Austausch und Flexibilität sind unerlässlich, wenn man am gleichen Strick ziehen und effizient Hilfe leisten will.

Ebenso wichtig ist es, die Mechanismen der Zentrale in Bern zu kennen. Wie funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Bern und Beirut?

Ich hatte mit Kolleginnen und Kollegen zu tun, die normalerweise in Bern in den gleichen Büroräumlichkeiten wie ich arbeiten. Während des Einsatzes standen wir täglich mit der Einsatzleitung in Kontakt. Mit ihr spricht man sich ab und trifft die erforderlichen Entscheide. Wir führten zahlreiche Telefongespräche mit Kolleginnen und Kollegen an der Zentrale, um Rat zu holen, über die notwendigen Schritte zu informieren und so Entscheide zu antizipieren. Es gibt eine umfassende direkte und informelle Kommunikation, die durch offizielle Beschlüsse bestätigt wird.

Die Folgen der Explosion kamen zur Wirtschafts- und Regierungskrise im Libanon und zur Pandemie hinzu. Wie beschaffen Sie Informationen zur aktuellen Lage in der Region?

In der Abteilung MENA gibt es einen Desk Officer, der sich speziell mit dem Libanon befasst. In einer Notsituation ist es wichtig, dass die Informationen zum richtigen Zeitpunkt zur richtigen Person gelangen. Neben den allgemeinen Analysen der Zentrale braucht es auch die lokalen Analysen der Botschaft und des Kooperationsbüros in Beirut. Sie erlauben ein besseres Verständnis des Kontexts, was für die Durchführung der Massnahmen wichtig ist.

Bei einer Notsituation wird ein Krisenstab aktiviert, der die Operationen leitet. In diesem Sinne unterstützt die Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika den Krisenstab. Nach Abschluss des Soforteinsatzes wird die Abteilung wieder zum Hauptbezugspunkt für die Projekte und Aktionen in der Region. 

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