Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

Zusammenarbeit stärkt Bildung von Kindern in Notsituationen

Am 25. Januar 2021 wurde der von der Schweiz initiierte Geneva Global Hub for Education in Emergencies offiziell lanciert. Das Internationale Genf wird so zu einem Zentrum für Bildung in Notsituationen. Über 127 Millionen Kinder in humanitären Krisen und Konfliktgebieten können nicht zur Schule. Mehr als 40 Prozent der 80 Millionen Menschen auf der Flucht sind Kinder, ein Grossteil von ihnen ohne Zugang zu Bildung. Das führt zu fehlenden Zukunftsperspektiven. Der Hub hat zum Ziel, dies zu ändern.

Drei Mädchen laufen über einen Kiesweg im Flüchtlingslager Azraq in der jordanischen Wüste.

22'677 syrische Kinder im Flüchtlingslager Azraq in der jordanischen Wüste haben nur beschränkte Möglichkeiten einen Schulabschluss zu erlangen. © Keystone

Azraq – ein staubiger Ort inmitten der jordanischen Wüste. Ein Flüchtlingslager wie viele andere in der Region. Der seit 2011 andauernde Bürgerkrieg in Syrien hat gemäss Zahlen der UNO rund 13 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Sie drängen sich nun hinter Stacheldraht ohne grosse Perspektiven und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Von den rund 36'874 Flüchtlingen in Azraq sind über 61%, also 22'677, Kinder – sie gehören zu den Verletzlichsten in Krisen. Ihre Möglichkeiten einen Schulabschluss zu erlangen sind beschränkt. Weltweit sind rund 48% der Flüchtlingskinder nicht in der Schule. Kinderarbeit, Mädchenheirat sind an der Tagesordnung.  Ein Bild, das sich weltweit zeigt: Humanitäre Krisen, Konflikte, Migration  und Vertreibung verhindern Millionen junger Menschen den Zugang zu Bildung. Gefangen in Not und Armut, ohne Schutz und Perspektiven drohen sie zu einer «verlorenen Generation» zu werden. COVID-19 hat die Situation weiter verschärft. Weltweit sind tausende Schulen geschlossen, digitaler Fernunterricht können sich viele nicht leisten.

Die Lage spitzt sich sogar noch zu

Aufgrund klimatischer Veränderungen und deren Folgen, Konflikten und nicht zuletzt COVID-19 nehmen humanitäre Notsituationen zu. Bereits vor der Pandemie konnten weltweit rund 258 Millionen Kinder und Jugendliche im Schulalter keine Schule besuchen. Wegen COVID-19 wird die Lage sogar noch schlimmer: die UNO schätzt, dass weitere 24 Millionen Kinder wegen Schulschliessungen und wirtschaftlich prekärer Lage keinen Schulanschluss mehr finden werden. Die gemachten Fortschritte der letzten Jahre im Bildungsbereich erleben einen Rückschritt. UNO-Generalsekretär António Guterres rief im vergangenen Jahr die Staatengemeinschaft auf, Bildung nicht zu vernachlässigen, da ansonsten eine «Generationen-Katastrophe» mit langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen folgen würde. Aber auch Konflikte, irreguläre Migration und Vertreibung nehmen zu. Im Schnitt dauern Fluchtsituationen 17 Jahre an – ein ganzes Kinderleben. Rund 127 Millionen der Kinder ohne Schulzugang leben in Ländern, die von Notsituationen betroffen sind. Zugang zu Bildung bietet neben Perspektiven auch Hoffnung und Schutz – Kinder sind die Verletzlichsten in Krisen. Dennoch gehört Bildung in humanitären Katastrophen zu den am wenigsten beachteten und finanzierten Sektoren.

Die Schweiz hat diesen Negativtrend erkannt. Basierend auf ihrer humanitären Tradition und einem besonderen Augenmerk auf Schutz und Bildung hatte sie anlässlich des Globalen Flüchtlingsforums 2019 in Genf ein Committment gemacht, Genf zu einem globalen Zentrum für Bildung in Notsituationen zu machen.

Demnach hat das Internationale Genf für die Bildung in Notsituationen das noch ungenutzte Potenzial einer Plattform, die themenübergreifende Zusammenarbeit fördert, um jungen Menschen Chancen zu eröffnen.  Als Resultat davon wurde am 25. Januar 2021 der «Geneva Global Hub for Education in Emergencies» im Rahmen der Feierlichkeiten zum internationalen Tag der Bildung offiziell lanciert.

Jürg Lauber, Botschafter der Ständigen Vertretung der Schweiz bei der UNO in Genf über die Lancierung des Geneva Global Hub for Education in Emergencies.
Kinder einer irakischen Schulklasse.
Das Recht auf Bildung, der von humanitären Notsituationen betroffenen Verletzlichsten wie diesen Kindern, ist eines der vier Hauptziele der Strategie der Internationalen Zusammenarbeit 2021-2024. © UNICEF

Das Erfolgsmodell der Schweiz

Die Chancengleichheit in der Bildung ist tief in den Grundwerten der Schweiz verankert. Jedes Kind hat unabhängig vom wirtschaftlichen, kulturellen, sprachlichen oder religiösen Hintergrund  das Recht auf eine qualitativ hochwertige Schulbildung. Die Schulpflicht gilt auch für Flüchtlingskinder und solche ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Historisch gesehen wurde die Schulpflicht bewusst als Mittel gegen die Kinderarbeit eingesetzt. Die Schweizer Volksschule erfüllt eine wichtige Integrationsfunktion und spielt eine entscheidende Rolle für den sozialen Zusammenhalt und Zukunftsperspektiven. Dieses Modell ist ein Erfolgsfaktor der Schweiz; junge Talente werden gefördert und nicht ausgeschlossen, was letztendlich auch der Schweizer Wirtschaft zugute kommt.

Die Werte eines gleichberechtigten Zugangs zu Bildung wiederspiegeln sich in der internationalen Zusammenarbeit (IZA) der Schweiz. Schutz und die Sicherstellung einer hochwertigen Grundversorgung – namentlich das Recht auf Bildung – der von Krisen, bewaffneten Konflikten, Flucht und irregulärer Migration besonders Benachteiligten ist eines der vier Hauptziele der Strategie der Internationalen Zusammenarbeit 2021-2024 (IZA-Strategie). Bildung ist eine Investition, die sich für den Einzelnen und den Wiederaufbau krisenbetroffener Länder auszahlt.

Lancierung des Geneva Global Hub for Education in Emergencies

Die Schweiz hatte sich anlässlich des Global Refugee Forum 2019 dazu engagiert, Genf als Globalen Hub für Bildung in Notsituationen zu fördern. Das internationale Genf bietet mit dem Büro der Vereinten Nationen, 38 internationalen Organisationen, den ständigen Vertretungen von 177 UNO-Mitgliedsstaaten, 750 NGOs und führenden akademischen Einrichtungen einen Mehrwert für Bildung in Notsituationen. Der Geneva Global Hub for Education in Emergencies – eine virtuelle und physische Plattform – bringt nicht nur Akteure an einen Tisch, die direkt mit dem Bildungssektor zu tun haben, sondern auch Organisationen, die in Bereichen wie Schutz, Gesundheit, Friedensförderung oder Menschenrechte tätig sind. Diese geballte Ladung an thematischem Fachwissen hat das Potenzial, die Bildungssituation von jungen Menschen in Krisen, Konflikten und auf der Flucht spürbar zu verbessern. n Menschen in Krisen, Konflikten und auf der Flucht spürbar zu verbessern.

Der Hub verfolgt folgende Ziele:

  1. Eine inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche in Notsituationen ermöglichen durch die verstärkte Zusammenarbeit der internationalen Genfer Akteure.
  2. Sensibilisierung von Regierungen und Partnerorganisationen, damit Bildung als eine der wichtigsten Prioritäten vor, während und nach Notsituationen und langwierigen Krisen betrachtet wird.
  3. Wirksamkeit der operationellen Massnahmen im Bereich Bildung in Notsituationen verbessern durch bessere Daten, innovative Forschung und Lösungen für Zugang zu hochwertiger Bildung und den Aufbau widerstandsfähiger Bildungssysteme.

Langfristiges Engagement

Humanitäre Notlagen ziehen sich mittlerweile über mehrere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, hin. Die Krisen überlappen sich. Zu einem bewaffneten Konflikt kommen Dürren oder Überschwemmungen hinzu. Der Ansatz des Geneva Global Hub for Education in Emergencies geht dabei in die richtige Richtung. Durch den Einbezug aller Genfer Akteure können eine kohärente Gesamtschau gewährleistet, und die richtigen Massnahmen im Krisengebiet getroffen werden. Das ist nicht nur wichtig für die betroffenen Kinder und Bildungssysteme sondern auch für die Wirkung der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz.

Um die unmittelbare Hilfe in Notsituationen langfristig zu sichern, setzt die Schweiz auf die Verknüpfung zwischen humanitärer Soforthilfe und der Entwicklungszusammenarbeit im Bildungssektor. Diese Verknüpfung ermöglicht, sowohl schnellen Zugang zu Schutz und Schulzugang zu gewähren, als auch Bildungsbehördern darin zu unterstützen, Bildungssysteme widerstandsfähiger gegenüber Krisen zu machen. So ermöglicht die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA in Jordanien etwa, dass syrische Kinder im Flüchtlingslager Azraq eingeschult zu werden, verpassten Unterrichtsstoff in Klassen oder digitalem Fernunterricht aufholen und einen Schulabschluss erlangen können, welcher das Sprungbrett für eine berufliche Aus- und Weiterbildung ist. Gleichzeitig unterstützt sie die lokalen Behörden darin, die öffentlichen Bildungseinrichtungen zu verbessern und qualitativ bessere Lernumgebungen für jordanische und syrische Schulkinder zu ermöglichen. Kinder auf der Flucht werden so in die Gesellschaften integriert und landen nicht auf dem Abstellgleis.

Education in Emergencies for Children

Das Internationale Genf und Bildung: Prioritäten der Schweizer Aussenpolitik

Die Lancierung des Geneva Global Hub for Education in Emergencies steht in Einklang mit den aussenpolitischen Zielen der Schweiz. Das Internationale Genf birgt das Potenzial, um Bildung in Notsituationen mehr Gehör zu verschaffen. Ihrer humanitären Tradition entsprechend, übernimmt die Schweiz Verantwortung, den Verletzlichsten Schutz und das grundlegende Recht auf Bildung zu gewährleisten. Sie trägt damit zu lokaler Integration, sozialem Zusammenhalt, Zukunftsperspektiven und Wohlstand in von Krisen betroffenen Regionen bei.

Die IZA-Strategie 2021–2024, die sich aus der Aussenpolitischen Strategie ableitet, misst dementsprechend der Bildung ein hohe Bedeutung zu. Konflikte, Naturkatastrophen, Flucht, Vertreibungen und irreguläre Migration werden in den kommenden Jahren zunehmen. Die Sicherstellung von Schutz und einer hochwertigen Grundversorgung  – namentlich Bildung und Gesundheit – für die verletzlichsten Bevölkerungsteile in Krisen- und Fluchtkontexten ist eines der vier Hauptziele der laufenden IZA-Strategie. Es ist im Interesse der Schweiz, die Ursachen für Flucht und irreguläre Migration zu verringern und eine hochwertige Grundversorgung vor Ort zu gewährleisten. Der Geneva Global Hub for Education in Emergencies, der themenübergreifend agiert, bietet die Möglichkeit, diesem Bereich Veränderung zu bringen.

Bildung in Notsituationen als Teil des Schweizer Selbstverständnisses

Die Schweiz setzt sich seit Jahren für das Recht auf Bildung ein und hat die Bildungsziele in ihrer IZA-Strategie verankert. Sie engagiert sich in Afrika, dem Mittleren Osten und in Asien dafür, dass von Konflikt, Migration und Flucht betroffene Kinder Schutz und Zugang zu einer guten Schulbildung erhalten. Zudem ist sie seit Ende 2019 Mitglied des Exekutivrats von Education Cannot Wait, dem neuen Fonds für Bildung in Notsituationen, der sich für das Recht auf Bildung von Kindern in humanitären Krisen- und Fluchtsituationen einsetzt. Gleichzeitig ist die Schweiz seit 2009 Mitglied und Teil des Verwaltungsrats der Global Partnership for Education, welche Bildungsministerien in Entwicklungsländern hilft, ihre Bildungssysteme nachhaltig zu verbessern. Anlässlich des Globalen Flüchtlingsforums im Dezember 2019 hat die Schweiz zudem einen Aufruf gemacht, Genf als «Globalen Hub für Bildung in Notsituationen» zu fördern. Der Aufruf wird von folgenden Institutionen mitgetragen: Education Cannot Wait, Global Education Cluster, Graduate Institute of International and Development Studies, IKRK, Inter-Agency Network for Education in Emergencies, UNICEF, UNO Hochkommissariat für Flüchtlinge, UNESCO und der Universität Genf.

Zum Anfang