Jürg Lauber: «Wir vertreten klare Werte.»

Botschafter Jürg Lauber im Gespräch.
Botschafter Jürg Lauber © Keystone/Salvatore Di Nolfi

Interview mit Botschafter Jürg Lauber, Chef der Mission der Schweiz bei der UNO in New York.

Herr Lauber, die Welt ist heute mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert – neue Machtverhältnisse, Klimawandel oder Migrationskrise sind Beispiele dafür. Ist die UNO richtig aufgestellt, um diese Themen anzugehen?

Über 70 Jahre nach ihrer Gründung verfügt die UNO aufgrund ihrer universellen Mitgliedschaft und ihres umfassenden Mandats noch immer über eine einzigartige Legitimität. Die Organisation hat sich über die Jahrzehnte auch als sehr anpassungsfähig erwiesen. Natürlich gibt es Reformbedarf, aber echte Alternativen gibt es nicht. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 und die New Yorker Erklärung zu Flucht und Migration von 2016 sind zwei Beispiele dafür, wie die Staaten im Rahmen der UNO aktuelle Herausforderungen von globaler Tragweite angehen.

Wo sehen Sie die spezifische Rolle der Schweiz innerhalb der Vereinten Nationen?

Die Schweiz zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie keiner politischen Staatengruppe angehört und gleichzeitig dem Prinzip der Universalität verpflichtet ist. Wir vertreten klare Werte und Prioritäten, positionieren uns aber eigenständig und bleiben für alle ansprechbar. Dank unserer nationalen Erfahrung wissen wir um den Wert von Konsens und Konkordanz. Dieses besondere Profil gibt uns immer wieder die Möglichkeit, die Rolle eines Brückenbauers zu spielen und komplizierten Verhandlungen zum Durchbruch zu verhelfen.
Nicht zu vergessen ist auch die Rolle der Schweiz als Gaststaat. Genf ist nicht nur europäischer Sitz der UNO, sondern überhaupt der weltweit wichtigste Standort für internationale Verhandlungen und Problemfindung. Die UNO und die Mitgliedstaaten kennen und schätzen die Leistungen des Gaststaates Schweiz.

Die Schweiz engagiert sich seit 15 Jahren in der UNO. In welchen Dossiers hat die Schweiz auf sich aufmerksam gemacht? Und gibt es Bereiche, in denen die Schweiz ihr Engagement in der UNO noch ausbauen sollte?

Die Schweiz ist auf allen drei Hauptgebieten des UNO Mandats – Friede & Sicherheit, Nachhaltige Entwicklung & Humanitäre Hilfe, Rechsstaatlichkeit & Menschenrechte – sowie in Verwaltungs- und Finanzfragen sehr aktiv und immer wieder in der Lage, Zeichen zu setzen. Im Bereich Sicherheit und Frieden beispielsweise gehörte die Schweiz zu den ersten Staaten, die das umfassendere und am Individuum orientierte Konzept der menschlichen Sicherheit konsequent vorangetrieben hat. Wir haben auch eine ganz wesentliche Rolle gespielt bei der Schaffung des Menschenrechtsrats, der im vergangenen Jahr in Genf sein 10-jähriges Bestehen feierte. Der Rat leistet einen massgeblichen Beitrag zum besseren Schutz der Menschenrechte.
Unsere Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im UNO Sicherheitsrat in den Jahren 2023/24 heisst, dass wir uns im Bereich Sicherheit & Frieden noch stärker engagieren wollen.

Sie wurden als Co-Faziliator zusammen mit Ihrem mexikanischen Kollegen beauftragt, einen internationalen Referenzrahmen für die weltweite Koordination der Migration zu erarbeiten. Ist es Zufall, dass der Vertreter der Schweiz dafür ausgewählt wurde? Und welchen Beitrag kann die Schweiz zu diesem Thema konkret leisten?

Die Berufung ist vor allem ein Ausdruck des Vertrauens, das die Schweiz unter den Mitgliedstaaten der UNO geniesst. In diesem konkreten Fall wird von der Schweiz – und von Mexiko – erwartet, dass wir den Staaten dabei helfen, bei der Erarbeitung eines so genannten «Global Compact for safe, orderly and regular Migration» zu einer Einigung zu kommen. Dabei wird uns die bereits erwähnte Erfahrung als Brückenbauer helfen. Wichtig ist aber auch, dass wir dank unserer eigenen Migrationsdexpertinnen und -experten immer wieder in der Lage sind, Verhandlungsengpässe durch kreative Vorschläge zu überwinden.