Warum und wie die Schweiz die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen umsetzt

Wie kann die sinnvolle Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen in einer Zeit gewährleistet werden, in der die Rechte von Frauen zunehmend unter Druck geraten? Diese Frage stand im Mittelpunkt des zweiten Treffens des Netzwerks Schweizerinnen in Friedensprozessen (Swiss Women in Peace Processes, SWiPP), das diese Woche in Genf stattfand. Die Teilnehmenden diskutierten darüber, wie Fachwissen, Netzwerke und institutioneller Mut zu nachhaltigeren Friedensergebnissen beitragen können.

Gruppenbild von SWIPP.

Das Netzwerk Swiss Women in Peace Processes (SWiPP) diskutierte in Genf, wie Fachwissen und institutioneller Mut zu nachhaltigeren Friedensprozessen beitragen können. © EDA

 Portrait von Sibylle Obrist.
Sibylle Obrist, stellvertretende Leiterin der Abteilung Frieden und Menschenrechte des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). © EDA

Interview mit Sibylle Obrist, stellvertretende Chefin der Abteilung Frieden und Menschenrechte des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA)

 

Das vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) unterstützte SWiPP-Netzwerk bringt in Zusammenarbeit mit dem Center for Security Studies der ETH Zürich und Swisspeace Akteure aus Behörden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um die Expertise und die Zusammenarbeit der Schweiz im Bereich der Mitwirkung von Frauen an Friedensprozessen zu stärken.

Sie haben gerade die Schlussrede anlässlich des zweiten SWiPP-Treffens gehalten. Am heutigen Tag wurde viel über die Rolle von Frauen in Friedensprozessen diskutiert, insbesondere über die Rolle von Frauen aus der Schweiz an diesen Prozessen. Was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Sibylle Obrist: Am meisten beeindruckt hat mich die Klarheit, mit der die Teilnehmenden und die Rednerinnen und Redner die aktuelle Situation beschrieben haben. Heute beobachten wir einen sehr realen und spürbaren Rückschlag bei den Frauenrechten – auch in Kontexten, in denen Friedensprozesse im Gange sind. Gleichzeitig spürte ich aber auch eine starke Entschlossenheit. Die Diskussionen zeigten, dass es selbst in einem schwierigeren politischen Umfeld Raum für strategisches Handeln, institutionellen Mut und bewusste Entscheidungen gibt, die eine sinnvolle Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen gewährleisten können. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil wir wissen, dass die Ergebnisse von integrativen Prozessen unter Mitwirkung von Frauen nachhaltiger sind. 

Die Veranstaltung brachte unterschiedlichste Akteure zusammen. Warum ist diese Vielfalt wichtig für die Arbeit der Schweiz im Bereich Frauen, Frieden und Sicherheit?

Die Stärke der Schweiz liegt in ihrem Ökosystem und ihrem Know-how. Durch den Einbezug von Akteuren aus Behörden, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Praxis können wir die Herausforderungen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Aber das allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, wie gut die Perspektiven miteinander verbunden und in die Praxis umgesetzt werden. Das SWiPP-Netzwerk spielt dabei eine wichtige Rolle. Es fördert den Austausch, schafft Vertrauen und hilft uns, institutionenübergreifend kohärenter zu handeln.

Sie haben betont, dass eine sinnvolle Beteiligung eher eine politische als eine technische Frage ist. Was heisst das in der Praxis?

Es bedeutet anzuerkennen, dass Inklusion nicht automatisch geschieht. Friedensprozesse müssen sorgfältig gestaltet werden. Es braucht bewusste Entscheidungen darüber, wer konsultiert und wessen Wissen einbezogen wird. Bei einer sinnvollen Beteiligung geht es um Einfluss, nicht um Präsenz. Dies gilt sowohl für offizielle Verhandlungen als auch auf lokaler Ebene, wo der Frieden meist geschaffen und aufrechterhalten wird. In der heutigen Welt scheint Frieden Männersache und transaktional zu sein. Wir müssen also einen anderen Weg einschlagen. 

Welche Rolle soll SWiPP in Zukunft spielen?

Ich erwarte, dass SWiPP weiterhin ein Forum ist, in dem nicht nur über Herausforderungen nachgedacht, sondern auch aktiv nach Lösungen gesucht wird. Ein Netzwerk, das ehrlich mit den Institutionen – auch mit dem EDA – spricht, Ideen entwickelt und wenn nötig Selbstgefälligkeit infrage stellt. Für die Abteilung Frieden und Menschenrechte ist SWiPP ein Partner, der uns hilft, zielgerichteter zu denken, strategischer zu handeln und die Mitwirkung von Frauen an Friedensprozessen voranzutreiben.

Welchen Mehrwert haben Netzwerke? Ist das nicht nur Gerede unter Gleichgesinnten?

Netzwerke bringen einen Mehrwert für die Diplomatie und die Friedenskonsolidierung, weil sie vertrauenswürdige Räume schaffen, in denen unterschiedliche Akteure zusammentreffen, sich austauschen und zusammenarbeiten können. Sie dienen als Kompetenzzentren, in denen Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Politik und Interessenvertretung zusammenkommen, um aus den Erfahrungen der anderen innovative Ansätze als Antwort auf komplexe politische Herausforderungen zu entwickeln.

Insbesondere für Frauen, die sich für Frieden engagieren, spielen Netzwerke eine wichtige Rolle. Sie dienen als Brücke zu den Machtzentren und als Zugang zu Entscheidungsprozessen, die den Frauen allzu oft verschlossen bleiben. Sie bieten ein Sicherheitsnetz und Solidarität – es sind Anlaufstellen für Frauen in schwierigen oder gefährlichen Situationen. Ausserdem fördern Netzwerke kollektives Lernen und eine gemeinsame generationenübergreifende Führung. Dadurch werden neue Generationen von Frauen, die in der Friedenskonsolidierung tätig sind, befähigt, die erzielten Fortschritte weiterzuführen und auszubauen.

In Friedensprozessen wird immer noch unterschätzt, was Frauennetzwerke bei der tatsächlichen Umsetzung von Friedensabkommen leisten können. Ihr kollektives Engagement trägt dazu bei, die Dynamik aufrechtzuerhalten, Institutionen zur Rechenschaft zu ziehen und die Gemeinschaften bei der Schaffung eines nachhaltigen Friedens zu unterstützen. Netzwerke sind also nicht nur Träger von Fachwissen und Kontakten – sie sind auch flexible diplomatische Instrumente, die Inklusion, Resilienz und Innovation in der gesamten Friedens- und Sicherheitsarbeit stärken. 

Welche Botschaft möchten Sie den Teilnehmenden mit auf den Weg geben?

Ich hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen sowie unsere Partner ein neues Verantwortungsbewusstsein mitnehmen. Diese Themen sind nicht nebensächlich, sie sind für einen nachhaltigen Frieden zentral und eine Priorität der Schweiz. Der heutige Austausch hat gezeigt, dass die Schweiz über das Know-how und die Partnerschaften verfügt, um etwas zu bewirken. Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Elan zu nutzen und in konkrete Massnahmen umzusetzen.

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